Marie NDiaye: "Die Chefin. Roman einer Köchin"; © Suhrkamp
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Belletristik - Marie NDiaye: "Die Chefin. Roman einer Köchin"

Bewertung:

Das Buch ist nicht nur der "Roman einer Köchin", sondern auch der "Roman eines stillen Verehrers", genau darin liegt das eigentlich Faszinierende des Romans: Die Autorin schafft es, dass sich die Kunst des Kochens in der Kunst des Romans widerspiegelt.

Die 1967 in der Nähe von Orléans geborene Marie NDiaye war gerade einmal 17, als in Frankreich ihr erster Roman erschien. Seitdem hat sie eine Vielzahl von Romanen, Theaterstücken und Essays veröffentlicht. Doch die französische Autorin, die für "Drei starke Frauen" den angesehenen Prix Goncourt erhielt, ist eine Rastlose. Immer wieder wechselt sie - zusammen mit Ehemann und Kindern - das Land und ihren Wohnsitz. Sie hat Spanien, Italien und Holland gelebt und wohnt seit einigen Jahren in Berlin. Jetzt ist ihr neues Buch erschienen: "Die Chefin. Roman einer Köchin."

Das seltsame und rätselhafte Leben einer Künstlerin der Küche

Die Köchin ist immer nur "Chefin", sie hat zwar einen Namen, aber den erfahren wir erst ganz zum Schluss, auf der allerletzten Seite des Buches, und der Name ("Gabrielle") ist auch nicht so wichtig, wichtig ist die Frau, um die sich - scheinbar - alles in dieser Roman-Biografie dreht, nur in ihrer Funktion als "Chefin".

Sie ist die absolute Herrscherin eines von den Gästen geliebten und den Kritikern mit einem Stern ausgezeichneten Restaurants in Bordeaux. Sie ist Spitzenköchin, bewundert für ihre Fantasie und ihre waghalsigen Kreationen, beliebt für ihre preiswerten Gerichte und ihre Bescheidenheit. Aber sie ist auch unnahbar und geheimnisvoll wie eine Sphinx, sie entzieht sich den Medien, sie hasst es, an den Tisch ihrer Gäste gerufen zu werden und nichtssagenden Small-Talk zu machen. Kaum jemand weiß etwas über ihr Privatleben, woher sie kommt, was sie umtreibt oder wer der Vater ihrer Tochter ist.

Und so versucht der Roman, ganz allmählich und ganz beharrlich, das seltsame und rätselhafte Leben dieser "Chefin" zu begreifen, die nachts allein und bis zur Erschöpfung mit Töpfen und Pfannen, Gemüsen und Gewürzen hantiert und immer neue Gerichte erfindet, die dem Gaumen schmeicheln und die Sinne betören. Sie versteht sich als eine Künstlerin der Küche, aber ihr schöpferisches Glück muss sie, die sich gegen jede Zuneigung und Liebe wehrt und nur für ihren Beruf lebt, teuer bezahlen: nämlich mit einer schmerzlichen Einsamkeit.

Kein Vertrauen in Worte oder Gefühle

Das schöpferische, kreative Kochen ist das einzige, was sie wirklich beherrscht, Kochen ist die einzige Sprache, das einzige Mittel, sich aus ihrer ärmlichen Vergangenheit zu befreien und eine eigene Identität zu finden. Alles andere ist für sie nur unnötiger Tand, billige Ablenkung, das geht so weit, das sie es nicht schafft, ihre eigene Tochter zu lieben, im Gegenteil: Sie fürchtet sich vor der Tochter und ihren Launen, die Tochter ist wie ein angstbesetzter Alptraum, der wie ein böser Geist über ihrem Leben schwebt - und sie beinahe zerstört.

Dass die "Chefin" nur dem Kochen und niemals den Worten oder Gefühlen vertraut, liegt an ihrer Herkunft: Sie kommt aus einfachsten, dörflichen Verhältnissen, muss die Schule früh verlassen und kommt als junges Mädchen als Hilfskraft in den Haushalt eines reichen, älteren Ehepaares, das nur eine Obsession kennt: gutes, opulentes Essen. Als Mädchen für alles und rechtlose Dienerin wird sie gedemütigt und drangsaliert und, das wird nur angedeutet, vom Gärtner bedrängt und vergewaltigt.

Aber als die Köchin des Hauses einmal einen längeren Urlaub nimmt, schlägt die Stunde des Mädchens: Sie übernimmt die Küche und kredenzt der bass erstaunten Herrschaft ein gar köstliches Mahl, schlagartig weiß das Mädchen, was es es will und wie sie dem bisher so erbärmlichen Leben einen Sinn abtrotzen kann: Sie will Köchin werden, trotz aller Widerstände. Und so wird sie, wortkarg, still und beharrlich, zur "Chefin" eines Spitzenrestaurants.

Der vergeblich sehnende Verehrer als Chronist

Der Erzähler ist ein Mitarbeiter der "Chefin", als junger Mann ist er immer um das Restaurant herum geschlichen und hat die "Chefin" nachts in der Küche hantieren sehen. Er will diese geheimnisvolle Frau unbedingt kennenlernen und ergattert einen Job als Küchen-Gehilfe, leistet ihr nachts Gesellschaft, hört sich ihre Geschichten an, ist der erste, der die neuen Küchen-Kreationen kosten und beurteilen darf.

So erschleicht er sich langsam das Vertrauen der "Chefin", wird zum Chronisten ihrer Koch-Rezepte und ihres einsamen Lebens. Gern wäre er auch ihr Liebhaber, aber das geht natürlich nicht, denn sie lässt Zärtlichkeiten nicht zu und Liebe schon gar nicht. So bleibt dem sich vergeblich sehnenden Verehrer und still in die Gefühlsschranken verwiesenen Beobachter nur, sich auf eine Affäre mit der Tochter der "Chefin" einzulassen und mit ihr ebenfalls eine Tochter zu zeugen, und seine eigene Biografie unauflöslich mit der Biografie der "Chefin" zu verweben. 

Ein Roman, der Fragen stellt und kaum eine einzige beantwortet

Das Buch ist nicht nur der "Roman einer Köchin", sondern auch der "Roman eines stillen Verehrers", genau darin liegt das eigentlich Faszinierende des Romans: Die Autorin schafft es, dass sich die Kunst des Kochens in der Kunst des Romans widerspiegelt, alles, das Kochen und das Schreiben, ist äußerst filigran und voller überraschender Wendungen.

So wie die Rezepte der Köchin dem Gaumen schmeicheln, schmeichelt der Roman der Fantasie des Lesers, der sich vieles selbst zusammen reimen muss und nie so genau weiß, was der Erzähler eigentlich im Schilde führt, und ob er sich das alles nur ausdenkt, um seiner vergeblichen Liebe und seinem verkorksten Leben einen Sinn zu geben.

Denn statt die Geheimnisse der beiden Biografien - der Köchin und des Erzählers - zu entwirren, werden die Geschichten mit immer wieder neuen Rätseln versehen, immer wieder schiebt der Erzähler auch seltsame Passagen dazwischen, in denen er als alter Mann erscheint, der seine sinnentleerten Tage mit Alkohol und Nichtstun in einem sonnigen Rentnerparadies vertrödelt.

Die Erzählung wird zu einem Roman, der Fragen stellt und kaum eine einzige beantwortet, wie sollte er auch: Denn was Kunst ist, was Liebe bewirken kann und was ein gelungenes Leben sein könnte, das kann uns kein Roman beantworten, das müssen wir schon selbst entscheiden. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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