Michael Köhlmeier: "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet"; Montage: rbb
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Novelle - Michael Köhlmeier: "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet"

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Wie es heißt, gibt es heutzutage sogar Single-Wallfahrten nach Padua. Und warum?

Weil Antonius von Padua nicht zuletzt auch bei der Partnersuche als bevorzugter spiritueller Beistand gilt. Er ist der Schutzpatron von Bäckern, Schweinehirten, Sozialarbeitern und Vertretern anderer Branchen. Den letzten großen Schub bekam seine posthume Karriere 1946: Damals ernannte Papst Pius XII. Antonius zum Kirchenlehrer.

Heiliggesprochen wurde Antonius bereits 1231 – gerade elf Monate nach seinem Tod, was offenbar ein Rekord in puncto Heiligsprechung ist. Viele einfache Leute drängten darauf. Denn Antonius, hochbegabter Spross einer portugiesischen Adelsfamilie, der dem Augustinischen Orden und später den Franziskanern beitrat, in Afrika missionierte, als Eremit lebte und an italienischen Universitäten unterrichtete, war ein begnadeter Rhetoriker. Er galt als der größte Redner seiner Zeit.

Was Wunder, dass ihm 3.000 Menschen beim Sterben zusahen! So schildert es jedenfalls Michael Köhlmeier in der Novelle "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet", in der die bekannten Lebensdaten für den historischen, korrekten Hintergrund sorgen, vor dem sich die Fiktion entfaltet.

Die letzten Stunden des berühmten Mannes

Köhlmeier verfolgt die letzten Stunden des berühmten Mannes auf dem Klosterplatz von Arcella nahe Padua. Antonius hat wütende Schmerzen, die vom Bauch in alle Glieder ausstrahlen und seinen Geist zu überwältigen drohen. Und er hat mörderischen Durst, weil keiner der 3.000 es wagt, das Ereignis durch eine profane Wassergabe zu stören. Immerhin geht das Gerücht um, der verehrte Antonius werde buchstäblich zum Himmel auffahren wie einst Christus. Der Dürstende versucht zu beten und betet, weil sonst nichts mehr geht, das Alphabet.

Er erinnert sich, den konventionellen Regeln literarischer Sterbensphantasien entsprechend, an die bedeutenden Ereignisse und die prägenden Menschen in seinem Leben. Ihm erscheinen im Schmerz-Delirium Menschen wie Luftgestalten, darunter auch seine Jugendliebe, die schöne Afrikanerin Basima, der er alles versprach – und die er doch ohne Worte und Widerstand ziehen ließ, als kleingeistige Verwandte sie nicht mehr dulden wollten.

Er denkt über die Sünde nach, vor allem über den Hochmut, mit dem er selbst als brillanter Intellektueller stets zu kämpfen hatte. Ihm stößt das Phrasenhafte der kirchlichen Dogmen auf, die er mit der Überzeugungskraft schlichter Menschlichkeit vergleicht. Paulus, Augustinus und sonstige Superstars des Christentums samt ihren Lehren gehen ihm durch den Sinn.

Kurz: Seinem Ende nahe, durchleuchtet Antonius die Tiefe seiner Existenz und denkt weit über sie hinaus. Er prüft sich und den Glauben und Gottes Verheißungen. Der Teufel, das Nichts und die Gnade – Antonius denkt groß bis zuletzt, aber er hat sich den Blick für das Kleine bewahrt.

Bilder und Vorstellungen des mittelalterlichen Christentums

Wer vom Christentum, seiner Geschichte und den christlichen Lehren gar nichts weiß, dem könnte Köhlmeiers Buch eine rätselhafte Seltsamkeit bleiben. Was umgekehrt heißt: Wer es mit Vorwissen zur Hand nimmt, wird umso mehr davon haben. Es ist ein Genuss, mitzuerleben, wie souverän Köhlmeier den aus heutiger Sicht oft heidnisch anmutenden Mystizismus, die Wundergläubigkeit, die bizarren Bilder und Vorstellungen des mittelalterlichen Christentums lebendig werden lässt. Woran seine stilistische Könnerschaft größten Anteil hat.

Für die Erzählerseite bevorzugt er einen Ton eindringlicher Ernsthaftigkeit, abgesehen vielleicht von dezenten Kalauern und modischen Alliterationen wie: "ein Gekeile, Geknuffe, Gekeife und Geklemme". Die überbordende Rhetorik bleibt Antonius selbst überlassen. Wiedergegeben werden Teile seiner letzten Predigt, die von den Hörern bezeichnenderweise in völlig unterschiedlicher Weise erinnert und gewichtet wird.

Mit sparsamen, aber wirkungsvollen Strichen

Wenn Köhlmeier den Text in die Delirien des Sterbenden hinein und wieder hinaus gleiten lässt, erinnert das an die besten Kniffe des phantastischen Realismus. Er zeichnet die italienische Ortschaft, die Menschen und überhaupt den Alltag des 13. Jahrhunderts mit sparsamen, aber wirkungsvollen Strichen. In den Reflexionen des Antonius entdeckt man bisweilen den Widerschein des alttestamentlichen Buchs Hiob.

Köhlmeier kann auch drastisch, wenn es um die damals viel besprochenen Grausamkeiten der Mongolen geht, und er versteht sich auf Zärtlichkeit, etwa in den Episoden, die von Liebe und Freundschaft handeln. Das alles ist von erster Güte, wenn es auch nicht restlos frei von leise sentimentalen Unterströmungen ist. Man bemerkt nach mancher Seite, dass man im Kopf eher ein Gefühl zurückbehalten hat als klare Gedanken.

Wie sich die Qualität voll entfaltet

Wäre das Buch ein 600-Seiten-Roman, wer weiß, ob es viele nach der x-ten Unterbrechung noch einmal zur Hand nehmen würden. Kaum ein Leser ist immer wieder aufs Neue empfänglich für das Spezielle und durchaus Fremde der Geschichte. "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" ist gewiss das exakte Gegenteil von U-Bahn-Lektüre. Für die Länge einer Novelle aber nimmt Köhlmeiers Kunst gefangen.

Tipp des Rezensenten: Man lese das Buch in ungestörter Stunde an einem Stück. Dann stehen die Chancen am besten, dass sich die Qualität voll entfaltet. Köhlmeier ist ein gutes Buch über das Sterben gelungen und deshalb nicht weniger ein gutes Buch über das Leben. Die 700 Jahre, die zwischen uns und Antonius liegen, spielen in dieser Hinsicht eine erstaunlich geringe Rolle.

Arno Orzessek, kulturradio

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