Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau", © Hanser Verlag, Montage: rbb
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Roman - Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau"

Wie in all seinen Büchern erzählt Orhan Pamuk, der türkische Nobelpreisträger von  2006 auch diesmal von den zwei großen Themen, die ihn seit je beschäftigen: Von der Liebe mit all ihren Irrungen und Wirkungen einerseits und von dem Übergang der Türkei von der Tradition in die Moderne andererseits.

Zu  Beginn des Romans blendet Pamuk ins Jahr 1985 zurück. Vor den Toren Istanbuls hilft der fünfzehnjährige Cem dem Brunnenbauer Mahmut beim Ausschachten eines Brunnens. Mit Pickel und Schaufel graben die beiden sich in die Erde, Woche um Woche. Sie durchbrechen harte Steinadern, ohne wissen zu können, ob sie je auf Wasser stoßen werden. An einer alten Seilwinde wird Mahmut ins Dunkel hinabgelassen, und mit der Seilwinde wird die ausgeschaufelte Erde nach oben gezogen.

Pamuk schildert diese Arbeit mit großer Empathie - und mit erstaunlichem Sachverstand. Im Laufe der Wochen entsteht ein unausgesprochenes Einverständnis zwischen Cem und Mahmut, die abends unter dem Sternenhimmel liegen und sich ohne große Worte nahe sind. Das hat nostalgische Schönheit, doch Pamuk und mit ihm der Leser wissen, dass die alten Zeiten zu Ende gehen und dass die vermeintliche Idylle den Keim des Untergangs schon lange in sich trägt, alles wird sich ändern.

Leben im Umbruch, leben mit Spannungen

Im Leben Cems hat der Umbruch schon stattgefunden: Sein Vater, Apotheker und linker Aktivist, der nach dem Militärputsch 1980 festgenommen und gefoltert worden ist, hat eines Tages seine Familie verlassen und ist spurlos verschwunden. Und so kann der Brunnenbauer Mahmut in jenem langen Sommer zu einer Art Ersatzvater werden, wie er sich selbst irgendwann auch versteht: "Du kannst so etwas werden wie mein Sohn."

Doch bald entwickelt sich zwischen den beiden Spannung. Denn im nahe gelegenen Dorf gastiert eine reisende Theatertruppe, das "Legenden- und Moraltheater", das einst vor dem Militärputsch links war und nun grelle Moritaten spielt. Cem ist von der Truppe fasziniert, vor allem von Gülcihan, einer strahlenden, rothaarigen Schönheit, in die er sich heiß verliebt, die aber auch den alten Mahmut nicht kalt lässt. Und als wollte er Mahmut warnen, erzählt Cem seinem Chef die Geschichte von Ödipus, die er aus einem Schulbuch kennt. Und im "Legenden- und Moraltheater" sieht Cem eine verballhornte Darstellung der Geschichte von Abraham und Isaak, vom Vater, der den Sohn töten wollte.

Vater-Sohn-Rivalität

Ab diesem Zeitpunkt kreist in Pamuks Buch alles um die Verstrickungen, die aus der Vater-Sohn-Rivalität erwachsen können. Ist er nicht selbst ein Vatermörder, fragt sich Cem, nachdem er in einem Moment der Unachtsamkeit (oder des Zorns?) den Eimer in den inzwischen 25 Meter tiefen Brunnen hat fallen lassen, auf dessen Sohle Mahmut arbeitete.

Entsetzt stürzt Cem nach dem Zwischenfall davon und läuft die nächsten dreißig Jahre vor sich selbst weg. Er bringt es im boomenden und sich unmäßig ausbreitenden Istanbul zum erfolgreichen Immobilienentwickler, aber sein einziges und wirkliches Interesse gilt den Geschichten in der Historie und in der Literatur, in denen ein Vater seinen Sohn umbringt: Besonders intensiv beschäftigt er sich mit einer persischen Legende, in der ein Vater Rostam seinen Sohn Sohrab tötet; aber er befasst sich auch mit Iwan, dem Schrecklichen, der seinen Sohn getötet haben soll.

Es ist eine manische Faszination, die Cem über Jahrzehnte besetzt hält, und so wird der Roman im Mittelteil über lange Strecken beinahe zu einer essayistischen Abhandlung über Vater-Sohn-Tötungsgeschichten. Immer wieder kreisen Cems Gedanken um die Tötungsmotive. Warum töten die Söhne die Väter? Warum töten die Väter die Söhne?

Ein schillerndes Bild menschlicher Existenz

Pamuk schürzt viele Knoten, vielleicht ein paar zu viele, bis er seine Geschichte zu einem dramatischen Höhepunkt hinführt: Der kinderlos verheiratete Cem hat tatsächlich in jenem magischen Sommer des Brunnenbaus mit der rothaarigen Frau ein Kind gezeugt, und diesem Sohn steht er irgendwann an dem Brunnen gegenüber, den er einst mit Mahmut gebaut hat. Wer wird gegen wen die Hand erheben?

Pamuks Roman scheut melodramatische Elemente nicht und auch nicht das Pathos der alten Mythen. Er dreht und wendet und dehnt den Ödipus-Mythos sehr weit, aber da er ein großer Erzählkünstler ist, der über erstaunliche dramaturgische Kniffe verfügt, glaubt man ihm die Geschichte von Cem und den anderen. Und so gelingt es Pamuk wieder, ein schillerndes Bild zu zeichnen von den (Irr-)Wegen menschlicher Existenz und von den Widersprüchen seines Landes zwischen Tradition und Moderne.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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