Richard Ford: Zwischen ihnen; Montage: rbb
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Roman - Richard Ford: "Zwischen ihnen"

Bewertung:

Richard Ford erweist sich in diesem schmalen Band mit den beiden Erinnerungsstücken an seine Eltern als ein zurückhaltender und diskreter Erzähler.

Richard Ford, der sich in seinen Romanen ("Der Sportreporter", "Unabhängigkeitstag", "Die Lage des Landes") als Meister der epischen Langstrecke erwiesen hat, wählt in den beiden Erinnerungsstücken über seine Mutter und seinen Vater eine reduzierte, beinahe karge Form der Darstellung. Vieles wird nur angedeutet, manches bleibt in der Schwebe, aber, wie es einmal heißt: "Bruchstücke können durchaus für das Ganze stehen."

Und in der Tat: Die zurückgenommene und zugleich sehr konzentrierte Erzählweise Fords führen Schritt für Schritt und sehr behutsam in eine längst vergangene Lebenswelt, die ganz und gar unspektakulär war und die plötzlich in seinen Worten wieder Anschaulichkeit und Nähe gewinnt.

Die Geschichte über seine Mutter hat Ford kurz nach deren Tod 1981 geschrieben, die Geschichte über seinen Vater dreißig Jahre später. Doch die Geschichte des Vaters steht am Anfang. Dieser Vater, ein schwerer und schwerfälliger Mann, der Anfang des 20. Jahrhunderts im tiefsten Hinterwald von Arkansas geboren wurde, hat sich als junger Mann aus seinem Dorf aufgemacht in die größeren Städte des Südens, nach Hot Springs und Little Rock, wo er als Handlungsgehilfe arbeitet und schließlich Handlungsreisender wird.

Es ist die Zeit der Großen Depression, des wirtschaftlichen Niedergangs der USA in den dreißiger Jahren, und man denkt unwillkürlich an Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden", an dessen verzweifelten Existenzkampf gegen die Verarmung und den sozialen Niedergang. Doch Fords Vater, Parker Carrol, ist ein undramatischer Held, einer, der sich einfach Jahr für Jahr durchschlägt, einer, der trotz allem "gern glücklich war".

Als Vertreter für Wäschestärke verlässt er montags das Haus, fährt in der Woche kreuz und quer durch den Süden und kehrt freitags nach Hause zurück. Ford zeigt ihn als großen Abwesenden, den immer ein Hauch von Ferne umweht und der wohl auch sich selbst auf unklare Weise fern bleibt. Ein Vater, der "aus einer anderen Zeit zu kommen schien" und der "nie nahe genug war, dass ich ihn anfassen könnte". Nie klagt dieser Vater über die Anstrengungen, die ihm auferlegt sind, dafür gibt es offenbar keine Worte. Wie schwer ihm vieles gefallen sein muss, können wir nur ahnen. Einen Hinweis gibt die frühe Herzerkrankung, die schließlich zu seinem Tod als Mittfünfziger im Jahre 1960 führt.

Was ihm in seinem Leben hilft, ist die gegenseitige Liebe, die ihn mit seiner Frau Edna verbindet. Kennengelernt haben sich die beiden, als sie 17 Jahre alt war und er 24 Jahre. Edna kommt aus prekären Verhältnissen: Ihre Mutter war bei der Geburt der Tochter 14 Jahre alt. Auf stille und wohl auch vergnügte Weise gehören die beiden zusammen, sie begleitet ihren Mann auf dessen Autofahrten durch den Süden. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr treiben sie von Ort zu Ort, leben in Hotels. Manchmal hat man den Eindruck, man schaute einem alten on the road-Film aus den vierziger Jahren der USA zu.

Und dann kommt nach 15 Jahren im Jahre 1944 das längst nicht mehr erwartete einzige Kind auf die Welt. Edna und Carrol Parker werden sesshaft, und bis zu seinem 16. Lebensjahr erlebt Richard Ford nun den Mann, der am Beginn der Woche wie Odysseus auszieht in die Ferne und der zuverlässig am Ende der Woche wieder zurückkehrt. In der Zwischenzeit lebt er mit der Mutter zusammen, einer unsentimentalen Frau, von der Ford bewusst sachlich und unsentimental erzählt, was den erstaunlichen Effekt erzielt, dass sie mit jeder Beschreibung mehr zu einer großen und eindringlichen Figur wächst. Man spürt, dass "das Leben meiner Mutter zu betrachten ein Akt der Liebe (ist)", wie Ford an einer Stelle schreibt.

Während der Vater immer wieder sich zu entziehen scheint (und gleichwohl beeindruckend präsent bleibt), zeigt Ford seine Mutter aus größerer Nähe – seine tatsächlichen und vermeintlichen Fehler und seine Schuldgefühle ihr gegenüber nicht verschweigend.

Richard Ford erweist sich in diesem schmalen Band mit den beiden Erinnerungsstücken an seine Eltern als ein zurückhaltender und diskreter Erzähler, bewusst lässt er Leerstellen und arbeitet oft nur mit Andeutungen. Spekulationen über das Leben seiner Eltern verbietet er sich. Der Lakonismus seines Erzählens korrespondiert mit der Kargheit und geradezu dem Stoizismus von Edna und Carrol Parker, die ihr Leben lang keine großen Worte gemacht haben und die einfach davon ausgegangen sind, dass man sein Leben möglichst anständig leben muss. Und Richard Ford lässt uns die Tapferkeit erahnen, mit der seine Eltern ihr Leben gelebt haben, in dem sich unausgesprochen auch viel Schweres und Trauriges verbirgt.

Ein kleines großes Buch über die Liebe, das lange nachklingt.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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