Salman Rushdie: Golden House; Montage: rbb
Bild: C. Bertelsmann

Belletristik - Salman Rushdie: "Golden House"

Bewertung:

Der neue Roman von Salman Rushdie verwandelt das bestürzende Heute in ein absurdes Märchen, das wir vielleicht nur mit der Kraft der Liebe und des Lachens überleben können.

Die Veröffentlichung des magisch-realistischen Romans "Mitternachtskinder" war für den 1947 in Bombay geborenen indisch-britischen Autor Salman Rushdie Auftakt zu einer großen Karriere und weiteren Welt-Bestsellern. Doch dann der Schock: 1989 sah der iranische Revolutionsführer Khomeini in Rushdies Roman "Die satanischen Verse" eine Beleidigung des Propheten und rief alle gläubigen Muslime auf, Rushdie zu töten. Es folgten Jahre der Angst, Überwachung und Geheimhaltung.

Doch obwohl das Kopfgeld sogar noch auf über vier Millionen Dollar erhöht wurde, lebt Rushdie seit einigen Jahren frei und ohne Polizeischutz in New York und mischt sich vehement in politische, religiöse und literarische Debatten ein. Jetzt hat er einen neuen Roman herausgebracht, "Golden House".

Eine vertrackte literarische Zwiebel

Das "Golden House" steht in New York, der Stadt, die Rushdie zur zweiten Heimat geworden ist und zum Ort, an dem – wie unter einem Brennglas – gesellschaftlichen Ereignisse und politische Perspektiven antizipiert werden. Das im Greenwich Village im neokolonialen Stil erbaute Haus bekommt aber erst seinen Namen, als dort ein dubioser Finanzmogul einzieht. Er nennt sich "Nero Golden", und auch seine erwachsenen Söhne tragen Namen römischer Kaiser und Philosophen.

Niemand weiß, wie der Mann wirklich heißt, woher er kommt, womit er seinen sagenhaften Reichtum erworben hat und wie groß der Einfluss seiner kriminellen Macht auf politische Strukturen und gesellschaftliche Entwicklungen ist. Nero Golden wird zum Gegenstand wilder Spekulationen, und auch der in der parkähnlichen Anlage wohnende Drehbuchautor und Filmemacher René Unterlinden beginnt sich dafür zu interessieren, was im "Golden House" vor sich geht.

René wird zum Zeugen und Chronisten und schließlich zum Mitwirkenden und Mitschuldigen an einer Tragödie, die – der Name Nero legt es nahe! – klassische Ausmaße annimmt und in einem apokalyptischen Feuer endet. Doch bevor es dazu kommt, schält Rushdie alias René an einer gigantisch vertrackten literarischen Zwiebel, legt viele Schichten frei und fasziniert und überwältigt den Leser mit mindestens drei verschiedenen Romanen: Denn "Golden House" ist erstens ein aktueller Gesellschaftsroman und ein bissiges Politik-Panorama, zweitens ein Roman über wahre und falsche Identitäten, und drittens ein Roman über die Möglichkeiten von Kunst, die Realität zu verstehen und zu verändern.

Vernichter des amerikanischen Traums

Nero Golden betritt die Szenerie in dem Moment, als Barack Obama erster farbiger Präsident der USA wird und sich eine Euphorie breit macht, die nicht im Interesse der herrschenden Macht-Elite ist. Wenn wir schließlich alles über Nero Golden und seine kriminellen Machenschaften erfahren haben, wird die Euphorie verflogen und der Traum von einem neuen, besseren Amerika vorbei sein, wird das weiße Amerika zurückschlagen und einem Milliardär die Stimme geben, der vorgibt, die Interessen der kleine Leute zu vertreten, der die Lüge zur Wahrheit und die Wahrheit zur Lüge erklärt, der dreist gegen jede politische Moral verstößt, Minderheiten beleidigt und alle amerikanischen Werte zertrampelt.

Doch der Name Donald Trump fällt im Roman kein einziges Mal: Der Erzähler macht aus dem Mann mit dem geschminkten Gesicht und gefärbten Haaren eine groteske Cartoon-Figur, erklärt ihn zum verrückten "Joker", den wir aus den Batman-Filmen kennen und fürchten gelernt haben. Während das Reich von Nero Golden sich in Flammen auflöst, wird sein krimineller Bruder im Geiste, der ungleich fiesere "Joker", zum Herrscher und Vernichter des amerikanischen Traums.

Jeder will etwas anderes sein

Die Suche nach einer neuen Identität, das Spiel mit erfundenen Namen und Identitäten wird zur modernen Religion erklärt und von Rushdie satirisch auf die Spitze getrieben. Nero Golden und seine Söhne kommen ursprünglich aus Bombay, hatten indische Namen und haben ihren sagenhaften Reichtum mit dunklen Immobiliengeschäften, Bestechung und Geldwäsche erworben. Während Nero Golden in den USA neue kriminelle Geschäftsfelder beackert, versuchen seine Söhne, sich gegen ihren Vater zu behaupten, sich neu zu erfinden.

Ein Sohn wird zum Autisten und zum erfolgreichen Erfinder von Computerspielen, ein anderer Sohn wird zum bildenden Künstler mit antikapitalistischer Botschaft, der dritte Sohn fühlt sich in seiner Haut als Mann nicht mehr wohl und wird zur Frau. Die beste Freundin dieser Mann-Frau ist Kuratorin in einem New Yorker "Museum für Identität".

Der Erzähler der Geschichte ist nicht nur der harmlose Nachbar und geduldige Zuhörer im Hause Golden, sondern auch jemand, der sein Wissen künstlerisch ausbeuten möchte und sich nur allzu gern in die kriminellen Machenschaften verwickeln lässt: Keiner ist der, der er vorgibt zu sein, und jeder will etwas anderes sein, als er gerade ist.

Die Unübersichtlichkeit der Welt einfangen

Der Erzähler (René Unterlinden) betrachtet alles mit den Augen eines Künstlers, der das, was er sieht, in Kunst verwandeln will, und das, was er nicht sieht, künstlerisch dazu erfindet, der Fakten und Fiktionen, Wunsch und Wirklichkeit vermischt - und das auch immer wieder offen thematisiert und augenzwinkernd dem Leser unter die Nase reibt. Alles, was er im "Golden House" wahrnimmt, und alles, was ihm verschwiegen wird, sieht er mit den Augen seiner literarischen, filmischen und musikalischen Götter: Er fragt sich ständig, wie wohl Scott Fitzgerald oder Edgar Allen Poe das Gesehene beschreiben, wie Hitchcock, Truffaut oder Coppola das Erlebte in Szene setzen, wie Bob Dylan, die Beatles oder die Eagles das Gehörte vertonen würden.

Permanent werden Romane, Filme, Songs herbeizitiert, immer wieder wechselt der Erzähler den Ton und skizziert die Ereignisse in filmischen Dialogen und als Film-Script mit Anweisungen für Schnitte, Kamerafahrten und Aufnahmen in der Totale. Immer wieder zeigt uns Rushdie, dass vielleicht nur die Kunst mit ihren surrealen und märchenhaften, realistischen und fiktiven Mitteln in der Lage ist, die Unübersichtlichkeit und Verrücktheit der Welt einzufangen und zu verstehen.

Rushdie wird immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt: Wer, wenn nicht er, hätte den Preis verdient? Wie Rushdie sein Leben dafür einsetzt, um die Freiheit der Kunst zu verteidigen, wie er es bei allen Morddrohungen noch schafft, geniale Weltliteratur zu verfassen, ist absolut verehrungswürdig, genauso wie dieser neue Roman, der ganz nahe dran ist an der Gegenwart und sie doch zugleich ins Zeitlos-Allgemeine rückt, der Realität in Fiktion und Fiktion in Realität verwandelt und das bestürzende Heute in ein absurdes Märchen verwandelt, das wir vielleicht nur mit der Kraft der Liebe und des Lachens überleben können.

Frank Dietschreit, kulturradio

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