Daniel Kehlmann: Tyll; Montage: rbb
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Roman - Daniel Kehlmann: "Tyll"

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Seit dem späten Mittelalter streift er durch die deutsche Literatur: Till Eulenspiegel, auch Tyll Ulenspiegel genannt. Nach unzähligen Volksbüchern, nach Hans Sachs und Charles de Coster, nach Richard Strauss und seiner Tondichtung über den Schalk und Gaukler haucht nun Daniel Kehlmann dem unsterblichen Gesellen gewaltig Leben ein.

Kehlmanns Tyll treibt durch die Jahrzehnte des Dreißigjährigen Krieges, ein hellsichtiger und böser Kerl, der den Menschen zu nahe kommt, ihnen im übertragenen Sinne "auf die Fresse gibt" (eine nicht unbekannte deutsche Politikerin hätte ihre Freude) und der sich schnell wieder entzieht.

In acht Kapiteln, die nicht chronologisch ablaufen, tritt Tyll als Kind, als junger und als alter Mann auf. Als einer, der sich in Zeiten der Gewalt zu einem virtuosen Überlebenskünstler entwickelt. Eine mythische Figur, die sich frech und geschmeidig durch den zerstörerischen Krieg bewegt, den Kehlmann als großes, sorgfältig komponiertes Panoramabild darbietet.

Manchmal fühlt man sich an Werner Tübkes Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen erinnert. Wie der Maler schafft Kehlmann farbige und üppig ausgemalte Szenarien, die er mit geradezu altmeisterlicher Genauigkeit ausmalt. Man spürt, dass er sich in dieser Zeit gut auskennt, offensichtlich gründliche historische Studien betrieben hat.

Ein Bild von Massenhysterie und Gewalt

Wie in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" betreibt Kehlmann ein Zeit- und Vexierspiel und konfrontiert historisch belegte Figuren mit seinem erfundenen Tyll, der gleich im ersten Kapitel einen prototypischen Auftritt hat. Hier demonstriert er seine zauberischen oder anders gesagt: seine manipulativen Fähigkeiten auf höchst beunruhigende Weise.

Mit seiner Gefährtin Nele zieht er in ein abgelegenes Dorf ein, er zeigt seine Kunststücke und redet zugleich unablässig auf die Dorfbewohner ein, stachelt sie auf, bis sie ihre Schuhe ausziehen, sich gegenseitig bewerfen, sich prügeln, sich verletzen und noch ineinander verkeilt sind, als Tyll und Nele sich schon wieder auf den Weg gemacht haben.

Kehlmann gelingt hier ein verstörendes Bild von Massenhysterie und Gewalt, von einem Ineinander-Verbissen-Sein, das sinnbildlich für die über alles Maß hinausschießende Gewalt des Dreißigjährigen Krieges steht, der die Deutschen beinahe bis in die Gegenwart als traumatisches Geschehen verfolgt hat.

Und dieser Tyll ist ein Kind der Gewalt: Sein Vater Claus Ulenspiegel, ein Müller, der die Bücher liebt und sich für übersinnliche Phänomene interessiert, wird als Hexer denunziert und der Folter unterworfen, sein Sohn Tyll gezwungen, die erfundenen Beschuldigungen gegen den Vater zu bestätigen. Und so endet der Vater am Galgen.

Eine der Stärken des Buches

Wie so häufig in diesem Buch kollidiert hier das Schreckliche mit dem Komischen. Die zwei Jesuiten, die mit bürokratischer Genauigkeit ihres Amtes walten und den Vater dem Tod überantworten, kommen wie Figuren aus einem Slapstick daher: Dr. Tesimond, Hexencommissarius ad hoc, der einst den englischen König in die Luft sprengen wollte, und Dr. Athanasius Kircher, der es in den folgenden Jahrzehnten zum großen Kirchen- und Universalgelehrten bringt. Die beiden salbadern aufs Schönste mit- und gegeneinander, so dass einem das Lachen durchaus nicht im Hals stecken bleibt.

Zweifellos eine der Stärken des Buches: Situationen kippen zu lassen, sie vieldeutig zu halten. Und der Spaß, den man an der Figur des Athanasius Kircher haben kann, steigert sich noch, als er zum Ende Buches in Schleswig-Holstein einen Drachen sucht, was deshalb so schwierig ist, weil echte Drachen unsichtbar sind: "In dieser Gegend ist offensichtlich noch nie ein Drache bezeugt worden, somit habe ich die Zuversicht, dass einer da sein muss."

Das Erzählgewebe reißt nie auf

Auch in dramaturgischer Hinsicht zeigt Kehlmann sein Geschick: Tesimond und Kircher tauchen, wie auch andere Figuren, nach längeren Pausen wieder auf, was immer glaubhaft wirkt, denn das gekonnt geknüpfte Erzählgewebe reißt nie auf. Und so ziehen wir mit Tyll durch eine düstere Landschaft, erleben die Schlacht von Zusmarshausen mit all ihrer Menschenschinderei, geraten ins Lager von Gustav Adolf, dem schwedischen König und Retter der protestantischen Christen, sind bei der Belagerung von Brünn dabei.

Und wir lernen den Pfalzgrafen Friedrich V. kennen, den "Winterkönig", der dem Angebot nicht widerstehen kann, König von Böhmen zu werden, es für einen Winter auch tatsächlich wird und der mit seiner Entscheidung letztlich den Dreißigjährigen Krieg mit seinen Verheerungen auslöst.

Die ironische Volte bei Kehlmann: Am Ende, nach dreißig Jahren, steht Friedrichs Witwe vor dem kaiserlichen Botschafter, der an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden in Osnabrück teilnimmt. Sie verlangt ihre Pfalzgrafschaft zurück, die der Kaiser ihrem Mann einst abgenommen hatte.

In Kehlmanns großer Geschichte über die Schrecken der Gewalt und über den unbesiegbaren Lebenswillen der Menschen spiegeln sich Weltgeschichte und die Geschichte der Individuen in vielfältigen Brechungen und Facetten. Und nicht ohne Augenzwinkern laufen immer wieder mal historische Figuren durchs Bild wie Adam Olearius, der waghalsige Persienreisende, oder der Dichter Paul Fleming.

Daniel Kehlmanns Tyll-Buch ist kunstvoll komponiert, sein Einfalls- und Anspielungsreichtum, seine Sprach- und Stilsicherheit beeindrucken: eine grandiose Jonglage zwischen historischem Roman und Schelmenroman.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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