Günter Karl Bose: "bookish!"; Montage: rbb
Wallstein Verlag
Bild: Wallstein Verlag

Bildband - Günter Karl Bose: "bookish!"

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Bücherleidenschaft in Fotografien aus den letzten 150 Jahren.

Buchmenschen erkennt man im Zweifelsfall daran, "dass ihre Hautfarbe im Spätsommer so weiß ist wie im Winter. Sie verbringen die Jahreszeiten in der Bibliothek, und wenn diese geschlossen ist, sieht man sie an anderen Orten, stets mit einem Buch in der Hand.“ Und – schreibt der Zürcher Wissenschaftshistoriker Michael Hagner in seiner klugen und fantasievol­len Einleitung, die von A wie "Achtung Falschfahrer" bis Z wie "Zuklappen des Buchs" reicht – "Buchmenschen haben mitunter mehr Umgang mit Büchern als mit Men­schen."

Bücher & Orte

Günter Karl Bose – 1980 Mitgründer des Berliner Verlags Brinkmann & Bose, heute Profes­sor für Typografie und Leiter des Instituts für Buchkunst an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst – ist ein Buchmensch. Und ein Sammler. Er hat Fotogra­fien zusammengetragen, auf denen Bücher eine entscheidende Rolle spielen. Das Buch als Objekt steht also im Zentrum dieses besonderen Bildbandes. Es geht dabei um Selbstdarstel­lung und Inszenierung ebenso wie um die Orte, an denen die Bücher auf ihre Leser warten.

Das erste Foto ist denn auch dem Lesesaal der Preußischen Staatsbibliothek gewid­met, die während der Bombenangriffe auf Berlin 1943 völlig zerstört wurde. Man sieht die Herzogin Amalia Bibliothek auf einer Daguerreotypie von 1880 und die Library of Congress in einer Aufnahme von 1897.

Bücher & Menschen

Im zweiten Kapitel geht es um Menschen, die sich mit Büchern inszenieren oder inszeniert werden. Von den frühen Porträtfotografien bis zur Jugendweihe in der DDR. Stets soll das Buch der Person eine besondere Aura verleihen, sie gebildeter, kultivierter erscheinen lassen. Besonders eindrücklich sind die Hollywood-Stars, die mit einem Buch in Filmszenen arran­giert wurden: Claudette Colbert liest in Lubitschs Film "Blaubarts achte Frau", einen Ratgeber übers glückliche Singleleben, Jane Mansfield ist 1957 in "Sirene in Blond" im Schaum­bad mit Roman zu sehen. Der wurde danach zum Bestseller.

"Bookishness" der letzten 150 Jahre

Man sieht in diesem opulenten Band Fotos vom kleinsten und vom größten Buch; der Bibel, (über die Brecht einst sagte, sie sei sein Lieblingsbuch) wird ausführlich Tribut gezollt; es gibt aber auch Fotos von Verfolgung und Totalitarismus, von der Bücherverbrennung der Nazis oder der Gleichschaltung der Lesenden in China.

Ein Band über die "bookishness" der letzten 150 Jahre. Mit ausführlichen Anmerkungen und einem höchst informativen Glossar. Und die Übersetzung des Titels? "bookish": lesewütig, auf Bü­cher verses­sen sein.

Der letzte Satz gilt Kafka, der – in seinem Kontor überrascht beim Studium eines Prospekts der Reclam-Bücherei – erklärte: "Ich berausche mich an Buchtiteln. Bücher sind ein Narkoti­kum."

E-Books kommen hier natürlich auch vor, aber ihre narkotisierende Wirkung wird nachhaltig in Zwei­fel gezogen.

Manuela Reichart, kulturradio

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