Jane Gardam: Die Leute von Privilege Hill; Montage: rbb
S. Fischer
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Erzählungen - Jane Gardam: "Die Leute von Privilege Hill"

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Die hochbetagte englische Bestseller-Autorin ist mit ihrer eindrucksvollen Romantrilogie um den englischen Kronrichter "Old Filth" bei uns erst jetzt bekannt geworden.

Im Mittelpunkt stehen dort und auch in ihren gerade veröffentlichten Erzählungen "Die Leute von Privilege Hill" britische Menschen, die die wichtigste Zeit ihres Lebens in den Kronkolonien, in Asien verbracht haben.

In der Geschichte, die diesem Band den Titel gibt, erleben Leser der Romantrilogie ein Wie­der­sehen. Man kennt die Hauptakteure, die beiden Juristen, die die längste Zeit ihres Le­bens einander spinnefeind waren, nicht zuletzt weil sie dieselbe Frau liebten. Und auch die Gast­geberin jener schief gegangenen Feier, zu der die beiden alten Herren im Regen auf­brechen, und einige ihrer Gäste sind Figuren, die vertraut sind. Wie und ob sie auch Lesern, die diesen Lektüre-Hintergrund nicht haben, lebendig werden?

Starke Erzählungen – und schwache

Auf dem Buchrücken wird die Autorin zitiert: "Ich habe immer viel lieber Erzählungen ge­schrieben als Romane." Nach der Lektüre der Erzählungen kann man diese program­ma­tische Vorliebe jedoch nicht ebenso emphatisch teilen.

Es gibt wunderbare Geschichten, wie etwa die einer jungen Wissenschaftlerin, die einem dubiosen Forscher helfen soll, spek­ta­kuläre Jane-Austen-Briefe zu beschaffen. Das wäre ein Sensationscoup. Wie die junge Frau sich ge­gen den undurchsichtigen Professor und für die bewunderte Dichterin entscheidet, das ist gran­dios erzählt.

Ebenso wie die Geschichte um drei alte Damen, die einst in den Kronko­lonien famos lebten und in England nun ein sehr beschränktes Alter fristen müssen. Sie hatten früher alle die gleiche Kinderfrau ausgebeutet und nicht gerade gut behandelt. Anlässlich ih­res Todes treffen sich die drei knausrigen Frauen, die sich an ihre goldenen Zeiten voller Ein­ladungen und Reisen und Standesbewusstsein erinnern. Sie lassen – ungebrochen hochnäsig und igno­rant – das kärgliche Leben der Verstorbenen Revue passieren. Die wird am Ende je­doch über sie alle obsiegt haben. Hier wird der Snobismus einer untergegangenen Klasse wun­­­derbar ausgestellt.

Ebenso wie in "Der Schweinefahrer" der Geruch, der Lärm und die Ver­loren­heit einer jungen Engländerin in Hongkong lebendig werden, deren Mann dort ar­beitet. Sie kommt ihn besuchen und verliert sich erst in der Fremde, um dann ihre Vorurteile und Gewissheiten über Bord zu werfen.

Das sind starke Erzählungen, die leider neben schwachen stehen: Eine halbherzige Gei­ster­ge­schichte etwa, eine nicht zu Ende erzählte Liebesgeschichte, eine nicht überzeugende Wie­der­begegnung eines Paares.

Eine gemischte Lektürebegeisterung also – trotz des eleganten Erzähltons, der ebenso zurück­haltenden wie eindringlichen Motive von Klassendünkel und – vor allem weiblichen – ver­lo­renen Illusionen. In jedem Fall kann man nicht sagen, dass die Autorin immer schon bessere Geschichten als Romane geschrieben habe.

Manuela Reichart, kulturradio

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