Karl Ove Knausgård: Im Herbst; Montage: rbb
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Roman - Karl Ove Knausgård: "Im Herbst"

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Auf sechs Bände hatte der Literaturweltstar Karl Ove Knausgård sein Romanprojekt "Min Kamp" angelegt. "Im Herbst" ist der erste Teil seiner Jahreszeiten-Bände.

Der 1968 geborene Karl Ove Knausgård gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen autobiografischen Buch-Projektes, das unter dem provozierenden Titel "Mein Kampf" erschien, wurden weltweit zu einer heftig diskutierten literarischen Sensation.

Seine Bücher sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. Gerade war im Mai der mit über 1.200 Seiten ziemlich dickleibige letzte Teil seiner autobiografischen Roman-Serie erschienen, da kommt schon ein neues Buch von Knausgård auf den deutschen Markt: Es trägt den Titel "Im Herbst" und ist – gemessen an den sonstigen Umfängen seiner Bücher – mit 288 Seiten fast schon als schlank zu bezeichnen.

Ungeschminkt auf's Papier

In "Mein Kampf" hat Knausgård auf insgesamt 5.000 Seiten sein eigenes Leben vermessen und jeden Winkel seiner Biografie ausgeleuchtet. Auch "Im Herbst" ist wieder ein Stück autobiografischer Literatur, denn ohne das eigene Ich geht es nicht bei Knausgård: Alles was er schreibt, geht von seinem eigenen Leben aus, von seinen Erfahrungen, Gedanken, Wünschen, Hoffnungen, die dann mehr oder weniger ungeschminkt auf's Papier oder in den Computer fließen.

Doch diesmal haben seine literarischen Erkundungen nichts Qualvolles und Zermürbendes, steigt er nicht so tief ein in die Gründe und Abgründe seines Lebens. Der Kampf mit dem Vater, die Krisen und Katastrophen seiner Ehe, das Werden des sich gegen alle Widerstände durchsetzenden Autors – all das hat er hinter sich.

Jetzt sitzt er in seinem Arbeitszimmer, draußen auf dem Lande, und wird zum vierten Mal Vater: Seine Frau Linda ist wieder schwanger, ein kleines Mädchen ist unterwegs, Knausgård freut sich diebisch auf das neue Leben, und er beschließt, seiner ungeborenen Tochter Briefe zu schreiben und ihr mit kleinen literarischen Handreichungen die Welt zu erklären.

Es ist September, Oktober, November, er sieht die Welt gerade mit herbstlichen, feuchten, nebligen Augen, also nennt er sein Buch "Im Herbst", aber keine Sorge, drei weitere Bücher – über Winter, Frühling, Sommer – sind schon angekündigt.

Die kleinen Dinge des Alltags

Knausgård schreibt seiner ungeborenen Tochter in jedem Herbst-Monat einen persönlichen Brief, das ist immer die Einleitung oder das Vorwort zu den dann folgenden kurzen Erklärungen/Handreichungen/Aufsätzen, wie auch immer wir das nennen wollen, was er da über die Phänomene der Welt, die kleinen Dinge des Alltags, die Natur oder die Menschen in vielen Mini-Essays schreibt, die immer jeweils drei bis vier Seiten umfassen:

"Ich möchte dir unsere Welt zeigen, wie ist jetzt ist", schreibt Knausgård im ersten Brief, "die Tür, den Fußboden, den Wasserhahn und die Spüle, den Gartenstuhl an der Mauer unter dem Küchenfenster, die Sonne, das Wasser, die Bäume. Du wirst sie auf deine eigene Weise sehen, du wirst deine eigenen Erfahrungen machen und dein eigenes Leben führen, so dass ich dies natürlich vor allem mir selbst zuliebe tue: dir die Welt zu zeigen, meine Kleine, macht mein Leben lebenswert."

Da ist er also wieder, der Ich-betonte Knausgård, der immer von sich aus und für sich selbst schreibt, der nur lebt, wenn er schreibt, dem das Leben ein einziger Roman ist, der alles, was er sieht und erlebt, in Literatur verwandelt.

Ein Kuckuckskind im literarischen Nest

Es ist kein Roman und kein Sachbuch, kein Buch nur für Erwachsene und kein Buch nur für Kinder. Es ist ein seltsamer Zwitter, ein ambivalentes Kuckuckskind, das uns Knausgård da ins literarische Nest legt, damit wir es mit unserer Fantasie annehmen und weiter ausbrüten können, so als wäre es unser eigenes. Und das können wir auch, denn fast alles, was Knausgård mal im Ton eines weisen Übervaters, mal im Ton eines väterlichen Freundes beschreibt, kennen wir, haben wir alle schon einmal erlebt, haben wir selbst als kleine Kinder das erste Mal mit großem Staunen betrachtet, haben wir selbst unseren Kindern erklärt.

Es geht um Äpfel und um Wespen, um Frösche und Kreuzottern, um Fieber und Krieg, um Autos und Tanker, um Schmerzen und Krankenwagen, Konservendosen, Knöpfe, Trommeln, Finger, Flaschen und Fliegen. Aber egal worum es geht, nie beschreibt Knausgård die Dinge von einer allgemeinen Wörterbuch-Wikipedia-Warte aus, sondern immer so wie er sie aus seinem eigenen Erleben kennt, wie er Äpfel isst (nämlich mit Stiel und Kernen), wie er Fieber erleidet (nämlich wie ein gedemütigter, trauriger Hund), wie das Telefon früher aussah (wie ein grauer Klotz mit riesiger Wählscheibe) und wie es sich vom heutigen Smartphone fundamental unterscheidet.

Und so entsteht langsam aber sicher ein kluges und anrührendes, manchmal auch ein bisschen altkluges und melancholisches Gespräch zwischen Knausgård und seiner Tochter, die all diese Erklärungen wohl erst wird lesen können, wenn sie etwas älter ist. Denn kindertümelnd und einfach ist es nicht, was Knausgård da schreibt, im Gegenteil: Wenn er über Einsamkeit, über Schamlippen, über die Malerei van Goghs oder über die Fotografien von August Sander ins Grübeln kommt, sind es doch eher philosophische Erkundungen über Werte, Moral, Erotik und Kunst.

Fremde Gedanken und Geheimnisse

Dem Buch beigefügt sind Bilder von Vanessa Baird. Auch diese Bilder – Zeichnungen, Aquarelle, Öl-Malereien – haben etwas Ambivalentes, Ungefähres, Geheimnisvolles, Zwitterhaftes. Es sind ein paar schöne Natur-Bilder dabei, Herbststimmungen, noch einmal kurz vorm Winterschlaf aufleuchtende Blumen, erster Nachtfrost an den Büschen.

Aber dann gibt es eben auch ein paar verstörende Bilder, ein nacktes Baby in blutroten Farben, grob gepinselt, mit einem Gesicht, das greisenhaft wirkt und gar nicht glücklich scheint, auf dieser Welt zu sein. Oder eine Frau mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen. Sie liegt mit hochgeschobenem Kleid und breiten Beinen am Boden, zwischen ihren nackten Schenkeln lauert und schnüffelt ein geiles Tier mit scharfen Krallen: unangenehme Bilder, für Kinderaugen nicht geeignet. Sie werden auch nicht betitelt oder kommentiert, es gibt im ganzen Buch keinen einzigen Hinweis auf die Künstlerin.

Und so hinterlässt das Buch beim Betrachter und Leser, der nicht so recht wie, was er da eigentlich in den Händen hält und für wen es eigentlich geschrieben ist, das ungute Gefühl, zum Voyeur fremder Gedanken und Geheimnisse gemacht zu werden: Wie gesagt, sehr ambivalent das Ganze.

Frank Dietschreit, kulturradio

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