Ken Follett: Das Fundament der Ewigkeit
Bastei Lübbe, Montage:rbb
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Historischer Roman - Ken Follett: "Das Fundament der Ewigkeit"

Es ist schwer vorstellbar, dass Ken Follett mit seiner neuen Historienschwarte Weltruhm erobern könnte - wenn er ihn nicht bereits hätte. Das Buch ist auch im Rahmen des Genres mittelmäßige Massenware.

Englischen Tourismus-Managern mag es Tränen in die Augen treiben – aber dieses putzige Kingsbridge, in dem schon Ken Folletts Bestseller "Die Säulen der Erde" und "Die Tore der Welt" spielten, gibt es nur in der Fiktion. Gute Güte, was ließe sich verdienen, wenn man dem Heer der Follett-Fans einen authentischen Wallfahrtsort zum Geldausgeben präsentieren könnte! Aber nun.

Historische Mega-Schwarte

In "Die Fundamente der Ewigkeit" macht Follett die Ortschaft Kingsbridg ein drittes Mal zum wichtigsten Schauplatz einer historischen Mega-Schwarte. Ned Willard liebt Margery Fitzgerald, und sie liebt ihn. Aber er ist Protestant und sie Katholikin. Die Fitzgeralds sträuben sich bis zum Äußersten gegen die Beziehung, insbesondere Margerys Bruder Rolle, einer von zwei Haupt- und Erz-Bösewichtern auf den weiteren mehr als 1000 Seiten.

Margery heiratet also den vergleichsweise gedankenschwachen Bart aus dem adligen Hause Shiring. Was ihrer Liebe zu Ned Willard keinen Abbruch tut. Und umgekehrt. Das hört nie auf - wahre Liebe halt. Ned, nett, klug, tatkräftig, human, charakterlich einfach ein XL-Pfundskerl, kurz: der positive Held der Geschichte, wird Spion Ihrer Majestät, Elizabeth I., der neuen Königin von England, die sich zwar in Sachen Religion Toleranz verschreibt, zur Abwehr der gewaltbereiten, störrischen und überhaupt insgesamt überwiegend negativ dargestellten Katholiken leider jedoch mit der Zeit zu allen Mitteln greifen muss, auch den verpönten.

Wendungsreiche und personalstarke Handlung

Und so entfaltet sich, von Kingsbridge ausgehend und immer wieder dorthin zurückkehrend, über London, Paris, Antwerpen und Sevilla nebst einem Abstecher nach Hispaniola in Übersee eine überaus wendungsreiche und personalstarke Handlung.

Handlungstreibend sind neben ungezählten Lieben und Liebschaften stets die religiösen Konflikte des 16. Jahrhunderts, zu deren näherer Erklärung und Ausgestaltung Follett fast keine frühneuzeitliche Theologie bemüht. Er unterscheidet vor allem zwischen toleranten und intoleranten Protagonisten. Die einen sind die Guten, die anderen die Bösen, basta. Und der Allerböseste ist Pierre Aumand, das zweite absolute Mega-Scheusal des Romans und als solches Neds fieser, gewalttätiger, hinterlistiger und grausamer Gegenspieler in Paris.

Die Herz- und Familiengeschichten, die Räuberpistolen und Spionage-Thriller, kurz: die ganzen ordinären Narrationen sind das Fleisch an den Knochen der tumultuösen Weltgeschichte. Der Zwist zwischen Elizabeth und ihrer Thron-Konkurrentin Maria Stuart; der Kampf um die europäische Suprematie zwischen Spanien, Frankreich, Niederlanden, England und Schottland; der immer und allseits gärende Religionskonflikt; das Pariser Massaker von 1572 - die berühmte "Bartholomäusnacht" oder "Pariser Bluthochzeit"; die verheerende Niederlage der spanischen Armada 1588 gegen die numerisch weit unterlegene englisch Flotte unter dem Ex-Piraten Francis Drake – das alles und noch viel mehr Realgeschichte bringt Follett in seinem Roman unter. Und wer vom 16. Jahrhundert noch nie etwas gehört hat, der bekommt gewiss eine Menge mit.

Widerstandslos lesbar

Follett ist stolz darauf, sich im Blick auf "Die Fundamente der Ewigkeit" in 228 Sachbüchern schlau gemacht zu haben. Thomas Mann und Thomas Pynchon würde da müde lächeln – aber Follett hält so viele konsultierte Sachbücher offenbar für allerhand. Da er aber sowieso eine Schreibfabrik inklusive vieler Rechercheure unterhält, dürfte sein Buch abzüglich lässlicher Fehler etwaige Faktenschecks bestehen.

Nur nutzt das in einem wichtigen Punkt nicht allzu viel. Weil auch die bedeutendsten historischen Momente eingebettet sind in die gedehnte epische Trivialität, nimmt man beim Lesen das Mechanische der Follettschen Bestseller-Schreiberei stets stärker wahr als die Aromen des 16. Jahrhundert. Was natürlich wesentlich mit Sprache und Stil zusammenhängt. Follett schreibt so, dass sich seine Romane absolut widerstandslos lesen lassen. Das ist ausdrücklich sein Kommunikationsideal: Glatt runter gehen muss ein Prosatext. Und die Werke müssen weltweit leicht zu übersetzen sein. Das Resultat ist ein hochgradig unspezifischer Stil, semantisch frei von Konturen und grammatikalisch grundschulreif.

Das dingliche und thematische Interieur des neuen Romans ist erkennbar aus dem 16. Jahrhundert, die Sprache jedoch ist die anspruchslose Standard-Sprache gegenwärtiger U-Romane. Und das hat seinen Preis. Denn die bescheidenen rhetorischen Mittel, die Follett mobilisiert, bauen keine atmosphärische Brücke in die Vergangenheit. Und das heißt umgekehrt: Oft erscheint die groß ausgebreitete Realgeschichte des 16. Jahrhunderts bloß als der Dekor von zwischenmenschlichen Handlungen, die im Grunde 500 Jahre früher oder 300 Jahr später spielen könnten.

Nein, keine Sorge, niemand wird sich bei der Lektüre des neuen Folletts zu Tode langweilen. Aber es ist schwer vorstellbar, dass Follett mit "Das Fundament der Ewigkeit" Weltruhm erobern könnte - wenn er ihn nicht bereits hätte. Das Buch ist auch im Rahmen des Genres mittelmäßige Massenware mit einem allerdings recht günstigen Preis-Leistungsverhältnis, sofern man Leistung in Seitenzahlen bemisst. Die Masse indessen, die diese Ware will, die gibt es. Follett hat sie sich selbst erschaffen. Deshalb ist "Das Fundament der Ewigkeit" ein erklärlicher Bestseller. Ein wirklich verdienter ist es nicht.

Arno Orzessek, kulturradio

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