Leo Perutz: Zwischen neun und neun; Montage: rbb
Zsolnay
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Zum Wiederlesen empfohlen - Leo Perutz: "Zwischen neun und neun"

Vor hundert Jahren schrieb der Erfolgsautor Leo Perutz seinen dritten Roman "Zwischen neun und neun" – der ihm den nächsten großen Erfolg bescherte.

Dabei war Perutz Schulversager aus wohlhabender Familie, ein typischer Taugenichts, der schließlich als Versicherungsmathematiker (bei derselben Gesellschaft wie Kafka) untergekommen war. Er trieb sich in den Literatenzirkeln der Kaffeehäuser herum und schrieb schließlich selbst. 1915 wurde er eingezogen. Nach einer schweren Verwundung fungierte er als Presseoffizier und schrieb nebenbei weiter – unter anderem dieses phantastische Buch, über das inzwischen Generationen von Germanisten gerätselt haben.

An ganz unterschiedlichen Schauplätzen Wiens tritt ein junger Mann auf, der Student Stanislaus Demba, und verhält sich, gelinde gesagt, merkwürdig: mal aggressiv, mal unterwürfig.

Bald, im Büro der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, erfährt man, dass seine Ex-Freundin Sonja mit einem begüterten Mann in Urlaub fahren wird. Und deshalb setzt Demba ab neun Uhr morgens alles daran, zu Geld zu kommen, damit sie mit ihm statt mit dem anderen verreist. Behindert wird er dabei durch ein Paar Handschellen, die er unter einem weiten Mantel zu verbergen versucht. Damit ist es allerdings ziemlich schwierig, zu essen, zu trinken, etwas einzukaufen oder auch nur einen Gegenstand entgegenzunehmen. Von Geldbeschaffung ganz zu schweigen.

Dembas Auftritte werden immer absonderlicher und am Ende vollkommen absurd, bis sie schließlich, kurz vor der vermeintlichen Wendung ins Glück, gänzlich zum Albtraum werden.

Perutz bediente sich für diesen Roman aus der Trickkiste der frühen literarischen Moderne – Perspektivwechsel, Bewusstseinsstrom - und gleichzeitig nutzte er seine intimen Kenntnisse verschiedener Milieus der Stadt Wien, um überaus lebendige Szenen zu formen. Immer wieder fand er einen neuen Dreh, um seine Geschichte noch weiter zu treiben, bis sie sich am Ende überraschend auflöst – und da endet, wo sie angefangen hat: morgens um neun.

Katharina Döbler, kulturradio

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