Franziska Meifort: "Ralf Dahrendorf. Eine Biographie", Montage: rbb
C.H.Beck
Bild: C.H.Beck

Biographie - Franziska Meifort- "Ralf Dahrendorf: Eine Biographie"

Bewertung:

Schon das Titelbild macht neugierig: Es zeigt Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke auf einem Autodach sitzend, von Mikrofonen umringt. Das ist die Eröffnungsszene des Buches und eine Schlüsselszene in Dahrendorfs Leben.

Januar 1968: Auf dem Bundesparteitag der FDP in Freiburg beginnt der junge Soziologieprofessor Dahrendorf gerade, sich als FDP-Politiker zu profilieren. Vor der Stadthalle lautstarker studentischer Protest, angeführt von Rudi Dutschke. Dahrendorf traut sich raus und diskutiert mit dem wortgewaltigen Studentenführer. Und kann ihn im Wortgefecht besiegen, so Franziska Meifort. Ein Sieg der offenen Gesellschaft gegen sozialistische Utopien...? Jedenfalls macht das Duell Dahrendorf schlagartig bekannt, auch durch seine Entgegnung auf Dutschke, der auf die "Fachidioten der Politik" schimpfte und Dahrendorf antwortete, es gebe auch "Protestidioten, die eine Diskussion von Anbeginn an unterdrückten."

Ein Intellektueller mit divenhaften Zügen

Nach diesem Einstieg geht Franziska Meifort streng chronologisch vor. Der Biographie liegt ihre Dissertation zugrunde, und entsprechend wissenschaftlich korrekt - einschließlich sorgfältiger Anmerkungen - schreibt sie. Aber sie kann mit Sprache umgehen und vermeidet Überlängen und Langeweile. Und Ralf Dahrendorf ist ein gutes Mittel gegen Langeweile, denn er ist kein trockener Intellektueller, sondern hatte divenhafte Züge. Sich seiner Ausstrahlung als öffentlicher Intellektueller durchaus bewusst, passte er in keine Schublade. Und wenn doch, schlüpfte er schnell wieder heraus. Als parlamentarischer Staatssekretär bei Walter Scheel im Auswärtigen Amt hielt man es gerade ein gutes halbes Jahr miteinander aus, in dem Dahrendorf nicht gerade durch diplomatisches Geschick auffiel. Dann wurde er EG-Kommissar in Brüssel und schrieb unter Pseudonym EG-kritische Artikel in der "ZEIT".

Gut vernetzt, immer unabhängig

Glänzender als seine Zeit als EG-Kommissar war sein langjähriges Wirken als Direktor der London School of Economics and Political Science und später als Rektor am St. Antony's College in Oxford. Diese Positionen im gehobenen Wissenschaftsmanagement nutzte er geschickt, um als öffentlicher Intellektueller auch in England zu wirken. Schnell fühlte er sich als Brite wohl und nahm auch die britische Staatsbürgerschaft an. Seine Vernetzung im britischen Establishment führte 1993 zur Ernennung zum Lord auf Lebenszeit. Er war in der britischen "upper class" angekommen. Aber auch hier blieb er der unabhängige Geist, der er stets gewesen war: 2004 wechselte er im House of Lords von den Bänken der liberal-demokratischen zu den unabhängigen Mitgliedern des Oberhauses.

Bemerkenswert bleibt Dahrendorfs Fähigkeit, in verschiedenen Nationen als öffentlicher Intellektueller Wirkung zu erlangen.

Soziale Ungleichheit als Teil der Freiheit

Dabei bleibt er immer seinem liberalen Grundcredo treu, ganz in der Tradition seines Lehrers und Freundes Karl Popper: "Es war Dahrendorfs Grundüberzeugung, dass Gesellschaften so geregelt sein müssen, dass Machtwechsel ohne Blutvergießen möglich seien. Soziale Konflikte, ebenso wie Ungleichheit, waren für ihn unabdingbarer Bestandteil der menschlichen Gesellschaft.  Die Vorstellung einer Welt ohne Konflikte war in seinen Augen utopisch; der Versuch, Konflikte abzuschaffen, führe geradewegs in autoritäre Gesellschaftsstrukturen...In diesem Sinne war Dahrendorf immer ein Befürworter der Reform, nicht der Revolution. Gleiche Lebenschancen mussten nicht zu gleichen Ergebnissen führen; im Gegenteil, Dahrendorf sah soziale Ungleichheit als Teil der Freiheit an."

Eckhard Stuff, kulturradio

Weitere Rezensionen

Martin Geck: "Beethoven"; Montage: rbb
Siedler Verlag; Montage: rbb

Biografie - Martin Geck: "Beethoven - Der Schöpfer und sein Universum"

Höher als mit "Schöpfer" und "Universum" kann man wohl nicht ansetzen. Martin Geck will Beethoven jedoch nicht verklären. Ihm geht es um einen neuen Blick auf das Werk, der "von Liebe und Genauigkeit" gelenkt ist. Er leitet durch zwölf "themenzentrierte Expeditionen" und beleuchtet Beethoven aus ganz unterschiedlichen Richtungen.

Bewertung: