Ted Gioia: Jazz hören - Jazz verstehen, Montage: rbb
Bild: © HENSCHEL Bärenreiter

Sachbuch - Ted Gioia: "Jazz hören - Jazz verstehen"

Bewertung:

Ein Buch für eine unbekannte Zielgruppe: Man erfährt beim Lesen nicht genau, an wen dieses Buch adressiert ist.

Der Buchtitel legt nahe, Ted Gioia hat den vom Jazz völlig unbeleckten, aber potentiell an dieser offenkundig "schwer verständlichen" Musik interessierten Adressaten im Visier. Darauf deutet zumindest die zuweilen einfache Sprache hin. Anderseits erschließt sich das Gelesene manchmal nur mit einem gewissen Basisfundus an musikalischem Vorwissen.

Aber im Grunde will Gioia Offenheit und Interesse für den Jazz wecken, der so vielschichtig ist wie keine andere Musik unserer Zeit. Das ist grundsätzlich begrüßenswert, aber es gelingt ihm nur bedingt. Für mich funktioniert der Ansatz schon nicht richtig. Niemand wird sagen: Jazz kenne ich nicht, würde ich aber gern kennenlernen, also höre ich mich mal eben durch die Jazzgeschichte durch. Beginne mit Aufnahmen von 1917 und dann höre ich bis zur Gegenwart. Wie ich das hören, worauf ich besonders achten sollte – das steht im Buch von Ted Gioia.

Deduktive Herangehensweise

Zugang zu Kunst im Allgemeinen und zu Musik jeglicher Art, zu Jazz im Besonderen, findet man natürlich zuallererst über die direkte Begegnung. Man geht in eine Ausstellung, ins Theater, in ein Konzert oder hört eine Schallplatte. Dieses Erlebnis löst etwas aus. Vielleicht auch die Lust auf mehr von dem Erlebten, auf das tiefere Eindringen in die Materie.

Ich bevorzuge im Hinblick auf das Finden eines Zugangs zum Jazz die induktive Herangehensweise, also vom Einzelnen zum Allgemeinen. Gioia wählt den deduktiven Weg, vom Allgemeinen zum Einzelnen. Er empfiehlt beispielsweise, die Rhythmen des Jazz zu analysieren, um die Besonderheit des New-Orleans-Jazz zu verstehen. Das mag funktionieren, ist meines Erachtens – bezogen auf das Jazz-Erlebnis – aber ungeeignet.

Als Teenager Anfang der Siebzgerjahre war ich zum Beispiel enorm beeindruckt von der Musik des Mahavishnu Orchestra. Jazz aus den Jahrzehnten davor hatte ich zwar auch schon gehört, aber nie mit der gleichen Begeisterung und Aufmerksamkeit. Aber nach der "Initialzündung" Mahavishnu Orchestra habe ich mich in gewisser Weise "zurückgehört" in die Jazzgeschichte und wollte wissen: Woher kommt diese Musik, die mich aus den Schuhen gehauen hat?

Ted Gioia will den richtigen Weg zum Jazz weisen

Geboren 1957 in den USA geboren, studierte Ted Gioia englische Literatur an der Stanford University sowie Politik, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Oxford. Gioia arbeitete eine Zeit lang als Wirtschaftsberater u.a. für McKinsey, war aber immer schon Jazzfan und trat seit den Achtzigerjahren als Jazzpianist, Komponist, Musikhistoriker, Dozent, Kritiker, Journalist oder Blogger in die Öffentlichkeit. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel zum Thema Musik, wobei Jazz nicht das einzige, wenngleich hauptsächliche Genre ist. Er schreibt auch über klassische Musik, über Blues, Country und Rock.

Ausgehend von Erläuterungen zu den Jazzstilen von New-Orleans- und Chicago-Jazz, über Swing, Bebop, Cool-Jazz, Hard Bop, bis zu Jazzrock, Avantgarde und Weltmusik werden in seinem jüngsten Buch wichtige Innovatoren des Jazz und ihre Musik vorgestellt – verbunden mit Empfehlungen deren wichtiger Schallplattenaufnehmen: Louis Armstrong, Coleman Hawkins, Duke Ellington, Billie Holiday, Charlie Parker, Thelonious Monk, Miles Davis, John Coltrane, Ornette Coleman.

Diese Texte über – sie werden es bemerkt haben – allesamt bereits Tote, sind solide und können die Ohren für die jeweils sehr eigenständige Musik dieser Musiker öffnen und schärfen. Aber auch hier wird ein ganz wesentlicher Aspekt, der das Verständnis für diese vielschichtige, sich ständig verändernde Musik erhellen könnte, außer Acht gelassen: Die enge Verbindung von Jazz mit den sozialen und politischen Gegebenheiten, in denen er entstand und entsteht, und von den persönlichen Lebensbedingen der ausschließlich afro-amerikanischen in Rede stehenden Musiker. All das lässt Ted Gioia ganz bewusst aus, weil es – wie er meint – vom Kern der Musik ablenken würde. Eine Auffassung, die ich gar nicht teile.

Gioias Jazz-Helden sind alle tot

Nach Ansicht von Ted Gioia fand danach auch keine wirklich grundlegende Neuerung im Jazz mehr statt. Alle späteren Generationen würden mehr oder weniger Bezug nehmen auf die Tradition des Jazz – zwischen Oldtime- und Free Jazz – und die vorhandenen Konzepte lediglich neu kombinieren.

Das ist eine sehr verkürzte Sicht auf den Jazz der letzten 20, 30 Jahre – auch wenn Gioia an verschiedenen Stellen unterstreicht, wie vielschichtig die heutige Jazzwelt ist, wie viele hervorragende, bestens ausgebildete Musiker und Musikerinnen es gibt, die zu entdecken und zu würdigen es allen Grund gibt. In seinen Porträts und historischen Exkursen beschränkt er sich immer auf die Vergangenheit und er ist dabei fokussiert auf die USA. Auch in der Auflistung von 150 wichtigen Musikernamen der jüngeren und mittleren Generation, also der nach 1960 geborenen, tauchen vielleicht 15 europäische auf. Und auch nur solche, die in den USA mit einigem Erfolg Schallplatten veröffentlicht haben.

Dennoch habe ich das Buch nicht ganz ohne Gewinn gelesen. Zum Beispiel wenn Ted Gioia im Kapitel über Charlie Parker schreibt:

"Ich möchte, dass du die Musik mitsingst! Versuche, zu verinnerlichen, wie Parker spielt – und wenn es nur ein paar Takte sind. Du wirst in die Essenz des Bebop-Klangs eintauchen. Du wirst die rhythmische Struktur der Phrasen fühlen. Du wirst die Chromatik und die Kadenzen verinnerlichen – selbst wenn du keine Ahnung von ihren Regeln hast. So bekommst Du einen tiefen Sinn dafür, was Parker für das Jazzvokabular getan hat."

Das kann man sich doch für eine Stunde, in der man mal allein zu Hause ist, durchaus vornehmen. Außerdem gibt Gioia am Ende des Buches den Tipp:

"Verlassen Sie sich nicht allzu sehr auf mich. Gehen Sie lieber hinaus und hören Sie selbst."

Dem kann ich mich unumwunden anschließen!

Ulf Drechsel, kulturradio

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