Boris Vian: "Die Gischt der Tage"; Montage: rbb
Wagenbach
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Zum Wiederlesen empfohlen - Boris Vian: "Die Gischt der Tage"

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Boris Vian war ein Multitalent und früh vollendetes Genie. Schon mit Anfang 20 gehörte er zum Intellektuellen-Zirkel um Jean-Paul Sartre und machte als Schriftsteller und Übersetzer, Musiker und Schauspieler auf sich aufmerksam. Als bekennendes Mitglied einer Vereinigung für "Pataphysik" liebte er absurden Nonsens. Außerdem leitete er die Jazz-Platten-Abteilung bei Philips. In Frankreich genießt Vian, der 1959 mit nur 39 Jahren an den Spätfolgen einer Typhus-Infektion starb, Kultstatus.

Sein Roman "L'écume des jours" wandert dort bis heute jedes Jahr 100.000 Mal über den Ladentisch. Frank Heibert hat den Roman, der hierzulande unter den Titeln "Chloé" und „Der Schaum der Tage" erschienen war, jetzt noch einmal neu ins Deutsche übertragen und nennt seine Übersetzung "Die Gischt der Tage".

Frech, witzig und böse

Kein Wunder, dass Boris Vian in Frankreich Kult und sein Roman "Die Gischt der Tage" ein scheinbar niemals alternder Longseller ist: Das Publikum liebt nun einmal die früh verstorbenen Genies, ihr wildes Leben und Denken, sie werden zu Stellvertreter und Projektionsflächen unserer Sehnsüchte nach dem Verrückten und Abenteuerlichen, was wir uns immer erhoffen, aber nie zu tun wagen.

In der Pop-Musik sind es Künstler wie Jim Morrison, Jim Hendrix oder Amy Winehouse, in der Literatur Künstler wie Boris Vian, der immer alles gewagt und auf niemanden Rücksicht genommen hat, am wenigsten auf seine eigene Gesundheit.

In "Die Gischt der Tage" spürt man das als Leser sofort: Hier schreibt jemand, mit Mitte 20, einen Roman, der frech, witzig und böse ist; der ein irreales Gesellschaftspanorama entwirft; der die Schönheit und Muße als höchstes Gut anpreist und die bürgerliche Arbeitswelt als Ausbeutungs-Maschine entlarvt; der absurde Sprachspiele liebt, Autoritären verspottet, literarische Idole satirisch veralbert; der eine furiose, verspielte, märchenhafte Liebesgeschichte erfindet, die zuerst so wunderbar schön und dann so abgrundtief traurig ist, dass man nicht anders kann, als vor einem Autor niederzuknien, der von einem Moment zum anderen von einer irrlichternden Komödie ins tragische Drama wechselt und von einem herrlich-absurden Liebesroman ohne mit der Wimper zu zucken schlagartig in eine scharfzüngige Gesellschafts-Kritik wechselt.

Vom unbeschwerten Glück zu einer düsteren Hölle

Es ist die Liebesgeschichte von Colin und Chloé: Colin ist ein wohlhabender Dandy, Jazz-Liebhaber und Erfinder des "Drinklaviers", ein Instrument, mit dem man beim Klavierspielen Getränke mixen kann. Colin verliebt sich in die kluge und schöne Chloé schon deshalb, weil ihr Name ihn an ein geliebtes Musik-Stück von Duke Ellington erinnert, und während die Liebe der beiden erblüht und sie jede Minute genießen, ist die Welt um sie herum bonbonbunt und rosarot und auf selbstverständlich-surreale Weise schön-verrückt: die Mäuse tanzen auf dem Tisch; in der Wasserleitung wohnen Aale, die nur darauf warten, gefangen und gekocht zu werden; zerbrochene Fensterscheiben wachsen nach als wären es zarte Pflanzen.

Doch auf der Hochzeitsreise bekommt die absurd-idyllische Fassade erste Risse, verdunkeln erste Schatten die helle und quietschfidele Welt: Chloé erkrankt, in ihrer Lunge wächst eine Pflanze, eine Lotos-Blüte, die Ärzte sind allesamt Kurpfuscher und profitgierige Scharlatane, verordnen die seltsamsten Therapien und meinen, der Lotos sei nur in Schach zu halten, wenn die Patientin ständig von Blumen umgeben ist und ihren Duft einatmet. Colin gibt ein Vermögen aus, um Chloés Leiden zu lindern, sein ganzes Geld versenkt er in einem Meer aus Blumen: Doch nichts hilft, es geht ihr immer schlechter, und während Colin verarmt und Chloé dahinsiecht, verändert sich - zuerst unmerklich, dann rasant - um sie herum auch alles andere. Die Welt wird von einem hellen Ort des unbeschwerten Glücks zu einer düsteren Hölle des Todes.

Götter-Verehrung und Realitäts-Verblendung

Die Welt wird immer dunkler und bedrohlicher: Die Sonne zieht sich zurück, die Wohnungen werden immer kleiner, die Zimmer immer enger, Chloé wird immer dünner, und weil Colin vom permanenten Blumenkauf pleite ist, muss er erstmals im Leben richtig arbeiten, wird er mit völlig absurden Jobs körperlich und geistig erniedrigt und ausgebeutet und - wenn er nicht spurt - sofort wieder gefeuert. Sein Diener Nicolas ergraut schlagartig und altert innerhalb weniger Tage um mehrere Jahre; sein Freund Chick verjubelt all das Geld, das Colin ihm in den Tagen des unbeschwerten Glücks geschenkt hatte, für eine bizarre Marotte: Denn Chick vergöttert den linken Schriftsteller und Existenz-Philosophen Jean-Sol Partre, hinter dem sich natürlich niemand anderes als Jean-Paul Sartre verbirgt.

Chick ist wie im Rausch, er muss alle Bücher von Jean-Sol Partre in allen erdenklichen Varianten und Auflagen kaufen, er ist aus ständig auf der Suche nach Gegenständen, die Partre angeblich einmal benutzt oder berührt hat; diese Götter-Verehrung und Realitäts-Verblendung führt dazu, dass er seine Freundin Alise vollkommen vernachlässigt, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das rächt, bis sein Leben und seine Liebe genauso an der schnöden Wirklichkeit aus Krankheit, Arbeit und Geld zerschellt wie die Liebe von Colin und Chloé.

Literatur kann tödlich sein

Alles, was eben noch schön und unbeschwert war, zerbricht in tausend Stücke und endet in Chaos und Tod: Erotik und Kunst haben gegen Geschäft und Gesellschaft keine Chance. Chloé stirbt elendiglich, Colin hat kein Geld für Priester und Bestatter, die Beerdigung gerät zu einer grotesken Veranstaltung - und selbst die niedliche Maus, die früher unbeschwert in Colins Küche in der Sonne tanzte, muss dran glauben.

Weil Chick bei seiner wahnhaften Idol-Vergötterung Schulden macht und vergisst, seine Steuern zu zahlen, bekommt er die ganze Härte des Staates zu spüren: brutale Steuer-Schergen dringen bei ihm ein, schlagen ihn tot und vernichten seine Partre-Sammlung. Chicks Freundin Alise wird zur Rache-Furie und tötet nicht nur alle Buchhändler, sondern reißt auch Jean-Sol Partre bei lebendigem Leibe das Herz heraus: Das ist natürlich besonders pikant, wenn man weiß, dass der reale Sartre mit der realen Ehefrau von Boris Vian ein intimes Verhältnis hatte - und der eifersüchtige Autor hier zusagen den berühmten Kollegen literarisch ermordet.

Literatur, lernen wir, kann tödlich sein - für den Leser, für den Autor und für alle, die mit Büchern und Devotionalien handeln. Das Leben, die Liebe, die Fantasie: Ein abgründiges, tödliches Meer, auf dem die "Gischt der Tage" zärtlich schwebt und dann ein für alle Mal vom Winde verweht wird. Es ist ein wirklich unendlich trauriges, aber auch unendlich schönes Buch, das durch die neue Übersetzung von Frank Heibert noch einmal deutlich an märchenhaftem Charme und satirischer Bösartigkeit gewonnen hat. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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