Mary Shelley: "Frankenstein"; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Mary Shelley: "Frankenstein oder Der moderne Prometheus"

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Die weltliterarische Bedeutung und zeitlose Größe des Frankenstein-Romans liegt in der Kombination aus erzählerischem Wagnis, wissenschaftlicher Fantasie und sprachlicher Schönheit.

Im Jahre 1818 erscheint ein Schauer-Roman, der Geschichte schreiben und zum vielleicht bedeutendsten Werk seines Genres werden wird: "Frankenstein oder Der moderne Prometheus". Der zunächst anonym erscheinende Roman, in dem ein menschenähnliches Wesen erschaffen wird, das zum mörderischen Monster mutiert, sorgt für Aufsehen. Die Aufregung wird nicht kleiner, als sich herausstellt, dass eine noch sehr junge Frau die Autorin der spannenden Gruselgeschichte ist. Denn Mary Shelley ist gerade einmal 19, als sie ihre Frankenstein-Fantasie veröffentlicht. Rechtzeitig zum 200. Jahrestag des Romans erscheint im Manesse Verlag eine von Alexander Pechmann besorgte deutschsprachige Neuübersetzung des Buches.

Die Autorin

Mary Shelley (geborene Godwin), stammt aus einer Familie streitbarer Genies: Ihre Mutter ist eine bekannte Frauenrechtlerin, ihr Vater ein einflussreicher Autor, ein von den Ideen der französischen Revolution inspirierter Gesellschaftskritiker. Mit zehn Jahren schreibt Mary ihre ersten Geschichten, mit 16 brennt sie mit dem Genie-Dichter Percy Shelley durch und heiratet ihn 1816, mit 17 bekommt sie ihr erstes Kind.

Das jung verliebte Paar reist an den Genfer See, um dort Lord Byron, John Polidori und Claire Clairmont zu treffen, alles Geistesgrößen ihrer Zeit. Doch es wird nichts mit einem erholsamen Sommer, es regnet ohne Unterlass, also beschließen die Literaten, sich Schauergeschichten auszudenken und sie sich abends am Kamin vorzulesen. Dazu kommt: Mary ist fasziniert von der Naturphilosophie, von Erasmus Darwin, der angeblich mit toter Materie experimentiert, von Elektrizität und Galvanismus und der Möglichkeit, künstliches Leben zu erschaffen.

Sie lässt all diese Themen in ihre Gruselgeschichte einfließen, und nachdem die Sommer-Gesellschaft dem schlechten Wetter entflieht und auseinander geht, formt sie ihre Ideen zum Roman über "Frankenstein", den sie zunächst anonym herausgibt: Wir leben schließlich damals in vor-emanzipierten, männer-dominierten Zeiten, wo auch eine Jane Austen sich lieber nicht als Verfasserin ihrer epochalen Romane zu erkennen gibt.

Die Geschichte - filigran, wissenschaftlich komplex und philosophisch anregend

Die weltliterarische Bedeutung und zeitlose Größe des Frankenstein-Romans liegt in der Kombination aus erzählerischem Wagnis, wissenschaftlicher Fantasie und sprachlicher Schönheit: Das ist nicht einfach nur eine auf Grusel-Effekte zielende Horror-Geschichte, in der toter Materie Leben eingehaucht wird und ein Monster entsteht, dass zur Mord-Maschine degeneriert, nein, Mary Shelley erzählt äußerst subtil, konstruiert ihre Geschichte ungemein filigran, wissenschaftlich komplex und philosophisch anregend.

Als Erzähler fungiert der britische Abenteurer Robert Walton, den es in die Arktis verschlagen hat, denn er will einen See-Weg durchs ewige Eis finden. In Briefen an seine Schwester beschreibt er seine Entdecker-Lust, seine Einsamkeit und seine Freude, als er dort oben im Eis einen Bruder Im Geiste trifft, einen Forscher, der einen von ihm geschaffenen Unhold sucht, um ihn unschädlich zu machen. Dieser Fremde ist Victor Frankenstein, und Robert Walton schreibt nur auf, was Frankenstein ihm erzählt: über seine Experimente mit künstlichem Leben und was alles Schreckliches passiert ist, nachdem der Dämon aus dem Labor entflohen ist.

Mary Shelley interessiert sich für die Frage, wie Fortschritt möglich ist, wie weit der Mensch gehen darf, welche Verantwortung er für sein Handeln hat: dass er sich nicht einfach wegducken darf, wenn etwas schief läuft, wie es zunächst Victor Frankenstein macht. Erst als der Unhold beginnt, Menschen zu töten, die Frankenstein nahe stehen (der Bruder, der besten Freund, die Ehefrau), erwacht der Wissenschaftler aus seiner Amnesie, erst dann macht er sich auf, die Welt vor dem zu retten, was er selbst angerichtet hat.

Der Mensch - ein Produkt seiner Umstände

Frankensteins Schöpfung wird nicht zum mörderischen Monster, weil er von Grund auf schlecht und böse ist, sondern weil sein Schöpfer (oder sein Vater) sich nicht um seine Schöpfung (oder sein Kind) kümmert. Als die namenlose Kreatur ihrem Schöpfer einmal in den Alpen begegnet, beschwert sich der Dämon bei Frankenstein, dass er ihn allein gelassen habe, dass er sich das Sprechen und Denken selbst beibringen musste, dass er zutiefst enttäuscht ist von seinem Vater und allen anderen Menschen, die in ihm immer nur das hässliche Monster sehen und entsetzt fliehen, wenn sie ihn sehen, ohne zu erkennen, dass er doch nur eines will: anerkannt und geliebt sein!

Der Dämon sehnt sich nach einer Gefährtin, und Frankenstein macht sich tatsächlich daran, ein zweites, diesmal weibliches Monster zu erschaffen, doch als Frankenstein die künstliche Frau kurz vor der Vollendung in Stücke reißt, weil er nicht noch mehr Unholde auf die Welt loslassen will, rastet der Dämon vollends aus und beschließt, sich an Frankenstein zu rächen.

Die psychologischen, pädagogischen und sozialpolitischen Dimensionen von Mary Shelleys Roman liegen also offen zutage: Der Mensch ist ein Produkt seiner Umstände, ob er gut oder böse wird, hängt von seiner Erziehung ab, und wissenschaftlichen Fortschritt kann es nur geben, wenn der Mensch die Folgen seines Tuns bedenkt und Verantwortung übernimmt: Klingt ziemlich modern, oder?

Zeitlose Themen

Der Roman ist unzählige Male verfilmt worden, doch die meisten Filmversionen haben mit Mary Shelleys Buch wenig zu tun. Durch Film-Fortsetzungen mit Titeln wie "Frankensteins Sohn" und "Frankensteins Braut" und "Frankensteins Fluch" gibt es auch eine allmähliche Bedeutungsverschiebung: Das Monster heißt jetzt plötzlich selbst Frankenstein.

Und seit dem expressionistischen Film-Klassiker von 1931 (mit Boris Karloff in der Rolle des Dämons) haben wir ein Bild bestimmtes Bild des Monsters vor Augen: hölzern, kantig, dumm, gewissenlos. Davon steht aber nichts im Roman, im Gegenteil, bei Mary Shelley ist der Unhold sehr beweglich, schnell, schlau, grüblerisch, traurig. Im Gegensatz zu den effekthaschenden Filmen wird bei Mary Shelley auch nicht beschrieben, wie es in Frankensteins Labor aussieht, wie er aus toter Materie neues Leben formt: Das bleibt ganz der Fantasie des Lesers überlassen.

Überhaupt müssen wir uns als Leser vieles selbst zusammen reimen, die Leerstellen mit unserer Fantasie füllen und selbst entscheiden, ob wir das Monster verabscheuen und verurteilen oder in ihm nur das Opfer eines gedankenlosen und verantwortungslosen Forschers sehen wollen: Zeitlose Themen und genug literarisch höchst ansprechender Stoff zum Nachdenken.

Frank Dietschreit, kulturradio

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