Uwe Timm: "Ikarien"; Montage: rbb
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Roman - Uwe Timm: "Ikarien"

"Eugenik": ein Wort eine düstere Aura hat. Und erst recht Wörter wie "Volksaufartung" und "Rassenhygiene" lassen alle Warnglocken läuten. Doch es gab Zeiten, da wurden diese Vokabeln mit großer Selbstverständlichkeit benutzt. In diese Epoche führt uns Uwe Timm mit seinem Roman "Ikarien" zurück.

Am Beispiel eines der Begründer der Eugenik, der Lehre von der Erbgesundheit, erzählt Timm, wie utopisches Denken, wie der Wille, den Menschen zu "verbessern", in totalitäres Denken und Handeln führen können.
Sein Protagonist Alfred Ploetz (1860 - 1940), der 1910 die "Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene" gründete, begann als junger lebensreformerischer Idealist und wurde im Lauf seines Lebens zu einem Vertreter der Züchtung eines genetisch und rassisch veredelten Menschen. Den Lebenslauf dieses Mannes, dem er, wie Timm schreibt, seit 1978 auf der Spur war, ohne je die richtige Form des Erzählens zu finden, nähert er sich nun auf indirekte Weise, auf dem Weg der Mutmaßungen mit vielen Brechungen und Spiegelungen des Lebenslaufs von Ploetz.

Worauf gründete sich der Rassenwahn?

Im Jahre 1945 kommt der junge deutschstämmige Michael Hansen als Soldat der Nachrichtentruppe der US-Armee nach Deutschland. Die Aufgabe seiner Truppe: zu ergründen, was die Deutschen eigentlich angetrieben hat. Worauf gründete zum Beispiel ihr Rassenwahn? Hansen wird auf einen alten Mann verwiesen, der als "Famulus" für Ploetz gearbeitet habe. Dass dieser Gehilfe den Namen Wagner trägt, nehmen wir als dezenten Hinweis aufs faustische Wesen von Alfred Ploetz, der allerdings wohl kaum mehr als ein Fäustchen war.

Timm nähert sich Ploetz auf drei Wegen: Wir lesen die ausführlichen Protokolle der vierzehn Tage dauernden Verhöre Wagners, dazwischen geschaltet sind kurze Tagebuchnotizen Hansens, und zudem schildert der Erzähler, wie es Hansen im kriegszerstörten München und in der irritierend heilen Welt Oberbayerns ergeht. Es ist ein durchaus kommodes Leben, das Hansen mit einem Kollegen in einer Villa am Ammersee führt; ein konfisziertes Cabrio gehört zur Grundausstattung, mit dem er durch die Gegend fährt und das ihn auch zu den Verhören zu Wagner bringt.

Von Desillusion zu Optimierung

In den windungsreichen Erzählungen Wagners entfaltet sich Schritt für Schritt das Leben von Ploetz. Als junger Mann hat er 1883 mit ein paar anderen Jünglingen die Geheimgesellschaft "Pacific" begründet, der er - wir befinden uns in Deutschland - als "Präsident" vorsteht, als "Außenminister" amtiert der junge Gerhart Hauptmann. Man orientiert sich an dem seiner Zeit sehr erfolgreichen Roman "Voyage en Icarie" des französischen Schriftstellers Etienne Cabet, der von der Insel "Ikarien" erzählt, auf der friedliche und freie Menschen in urkommunistischer Gemeinschaft wie in einem irdischen Paradies zusammenleben. Die Verführungskraft des Romans war so groß, dass in den USA tatsächlich ikarische Gemeinschaften entstanden, die Ploetz besuchte und deren Realität ihn gründlich desillusionierte. Und so erschien ihm bald die rassenhygienische Optimierung des Menschen erfolgversprechender als der soziale Idealismus der Ikarier.

Kurios: Ploetz wäre 1936 beinahe der Friedensnobelpreis verliehen worden, weil er die Meinung vertrat, der Krieg sei "kontraselektorisch" und führe zum Tode der Gesunden, Hochstehenden, während die Schwachen, Plattfüßigen zu Hause blieben und sich unerfreulicherweise vermehrten. Eine durchaus gruselige Ironie im Leben eines Mannes, der zum Schluss 1600 Karnickel mit seinen Experimenten traktierte, jedoch nie in den Euthanasie-Anstalten mit ihren Tötungen tätig wurde.

Karrierist vs Wahrheitssucher

Ploetz in seiner Mischung aus Idealismus, Größenwahn und Karrierestreben bleibt jedoch letztlich seltsam blass, eine Art Demonstrationsfigur, der der viel differenzierter gezeichnete Wagner gegenübersteht. Wagner, dem freien Sozialisten, der die Nazi-Zeit im Keller eines Antiquariats überdauert hat, gehört die ungeteilte Sympathie seines Autors, die sich auch dem Leser mitteilt. Wagner ist ein Mann, der in seiner Weltsicht Mitte und Maß anstrebt, er ist ein Wahrheitssucher, der Andere und Anderes gelten lässt, der aber dennoch grundlegende liberale und sozialistische Überzeugungen hat, die sein Gerechtigkeitsempfinden leiten. In Wagners abwägendem und doch zu klaren Haltungen führenden Denken und Reden entdecken wir den Autor Timm, der in diesem Roman viele Motive aus seinen vorhergehenden Büchern anklingen lässt.

Mag sein, dass "Ikarien" manchmal in der Darstellung historischer Verhältnisse ein bisschen (zu) weit ausholt, aber im Ganzen ist dies ein Roman, der die Versprechungen und Gefährdungen durch wahnhafte Weltverbesserungsideen anschaulich und glaubhaft darstellt und der zudem das materiell und ideel zerstörte Deutschland im Jahre 1945 in vielen scharfen Bildern ausleuchtet.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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