Jürgen Hohmuth: Graustufen; Montage: rbb
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Sachbuch - Jürgen Hohmuth: "Graustufen"

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Ich war durchaus schon der Meinung, dass ich die meisten guten Bücher zu diesem Thema bereits in der Hand hatte. Aber es ist doch auch schön, wenn es noch Überraschungen gibt.

Der besondere Reiz an diesem Buch ist sicherlich, dass die vorzüglichen Fotografien von Jürgen Hohmuth mit ebensolchen Texten gekoppelt sind. Da heißen die Autoren u.a. Lutz Seiler, Hans-Eckardt Wenzel, Ingo Schulze, Kerstin Hensel oder Jutta Voigt.

Immer wieder ranken sich die Fotografien aus der DDR um die Farbe Grau herum. Hier nun sogar im Titel des Buches. Die fotografische Technik in dieser Zeit war so, und zwar in Ost und West, dass professionelle Fotografen grundsätzlich schwarz-weiß fotografierten. Das andere wären Polaroid-Schnappschüsse gewesen. Insoweit hat das also zunächst nichts mit der vermeintlich grauen DDR zu tun. Der Effekt tritt genauso ein, wenn man Fotografien aus den Siebzigerjahren der Bundesrepublik betrachtet.

Der andere Aspekt aber ist natürlich, dass man mit dem heutigen Blick auf die DDR-Fassaden oder Hinterhöfe der späten Achtzigerjahre immer noch glauben könnte, dass der Krieg gerade erst zu Ende gegangen ist. Hier treffen sich also fotografische Technik, sozialistische Mangelwirtschaft und der Blick der nachfolgenden Generationen. Dieses Buch nun aber trägt ja zwar im Titel das Grau, aber das Wort heißt "Graustufen" – und das ist ja nun etwas ganz anderes! Denn das Grau hat sehr viele Schattierungen, durchaus auch heitere, übermütige, aber natürlich auch die einer untergehenden Gesellschaft, die von Stagnation und Symbolhaftigkeit.

Ethnologe mit Kamera

Der Fotograf Jürgen Hohmuth war wie ein Ethnologe mit seiner Kamera in den Städten unterwegs, viel in Berlin, Leipzig, Chemnitz, aber auch in Jena, Dessau und Borna. Es sind alltägliche Situationen, die er einfängt und die in der Summe auf eine durchaus ganz eigene Kultur schauen. Das kann man mit dem Abstand der Jahre jetzt wirklich deutlich sehen. Das sieht man in den Straßen, an den Häusern, der kaum vorhandenen Werbung, den Autos oder der Mode. Aber gerade auch wenn man in die Gesichter der Menschen schaut, wird das deutlich: die sind mitunter mürrisch und verschlossen – vielleicht von all den Parolen. Andere zeigen unbändige Lebenslust und Überschwang, der auf den ersten Blick auch kaum nachzuvollziehen ist.

Hinsichtlich der eigenen Kultur zeigen diese Bilder eine kleine, aber schöne Besonderheit. Man trug in der DDR, ob Mann oder Frau, eigentlich immer einen Stoffbeutel mit sich, zunächst in der Tasche, dann aber oft auch gefüllt in der Hand. Auf diese Weise war man gewappnet, falls es irgendwo etwas Unerwartetes einzukaufen oder mitzunehmen gab. Auf Hohmuths Bildern sieht man mehrfach Menschen mit diesen Beuteln im Straßenbild. Und auch im Text von Hans-Eckardt Wenzel spielen die Beutel eine Rolle. Er beschreibt, wie er sich auf diese Weise auf dem nächtlichen Nachhauseweg von einem hin gekippten Haufen noch ein paar Kohlen mit nach Hause nehmen konnte …

Authentisch, nicht nostalgisch

Die Texte stammen von einer ganzen Reihe renommierter Autorinnen und Autoren. Die meisten haben sich von den Fotos inspirieren lassen und haben persönliche Erinnerungen an das Leben im verschwundenen Land und innerhalb der verschiedenen Graustufen festgehalten. Das ist authentisch, nicht nostalgisch oder dramatisierend. Meist in einem heiteren und souveränen Ton.

Der Text von Ingo Schulze zum Beispiel bezieht sich auf ein Foto vom Innenhof der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 1988. Da liegt ein riesiger Kohlenhaufen im Hof der Uni, vor dem Relief der Göttin Athena und einer weiteren Skulptur. Zwei Leute mit Bauhelmen tragen den Kohlenhaufen ab, außerdem wird gebaut, die Skulptur wurde mit einem weiteren Bauhelm zum Kollegen befördert – also ein wunderbares fotografisches Stillleben, das Ingo Schulze in seinem kleinen Text "Unter Arbeitshelmen" zu einer Betrachtung über das Verhältnis von körperlich und geistig arbeitenden Menschen anregte.

Danuta Görnandt, kulturradio

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