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Bühne und Konzert

Unser "K" zeigt Ihnen die Einschätzung unserer Kulturradio-Rezensenten:

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zwiespältig
misslungen

Bühne und Konzert, 21.12.2009

Enblem Berliner Ensemble; Foto: Archiv

Berliner Ensemble: "Trilogie der schönen Ferienzeit"

Komödie von Carlo Goldoni

Es ist hier die feine und nicht ganz so feine Gesellschaft von Livorno, die sich für die Ferien auf dem Lande rüstet. Bei den meisten ist das Bankkonto leer. Aber Dabeisein ist alles. Und da gibt es nun Leonardo, einen jungen Mann, der auch bereits pleite ist, aber auf großem Fuß liebt. Der liebt Giacinta, eine junge Frau, die durchaus seine Gefühle erwidert - allerdings nur vorläufig, wie ich einschränkend sagen muss. Ihr geht schon zu Anfang Leonardos Eifersucht kräftig auf die Nerven. Anlass dazu bietet ein bescheidener Herr namens Guglielmo, der ebenfalls, wie alle anderen, seine Ferien in Montenero verbringen will und sogar im Wagen von Giacintas Papa mitfahren soll. Leonardo kocht natürlich, er hält seinen Diener in Trab, lässt erst ein, dann wieder aus- und schließlich doch wieder einpacken. Außerdem liegt Leonardo auch noch sein Schwesterchen Victoria auf den Nerven. Sie will keinesfalls auf die Sommerfrische verzichten und braucht unbedingt noch ein extravagantes Kleid nach dem letzten modischen Schrei.

Carlo Goldoni schrieb diese Trilogie in einer tiefen persönlichen Lebenskrise, vor seinem Weggang aus Venedig nach Paris. Das Stück hat auch bittere Seiten. Das Publikum bei der Uraufführung 1761 hatte immerhin zwischen den einzelnen Stücken jeweils ein paar Wochen Verschnaufpause. Peymann spielt die Trilogie, wie längst üblich, in einem Rutsch, vier Stunden lang mit zwei Pausen. Und Goldoni läuft hier der Publikumserwartung zuwider: denn die Spannungslinie der Geschichte zeigt eher nach unten. Und wir wissen ja: wer zu Beginn einer Komödie kräftig gelacht hat, will es auch weiter tun, und zwar nicht etwa knapper.

Der erste Teil ist amüsant und turbulent. Man spürt das Vergnügen, das Peymann hat, junge Akteure und frische Gesichter ins Spiel zu bringen. Auch die reiferen Herrschaften, auch die Dienerschaft haben ihren Witz. Aber Peymann inszeniert das Hin und Her der Gefühle, Gepäckstücke und Lebensmittel-Lieferungen nicht etwa in eleganter Rokoko-Manier, sondern schon eher als einen verrückten Feydeau. Und dann geht es im zweiten Teil ans Meer. Und wer anfangs darstellerisch ein Charakter war, ist hier plötzlich nur noch eine Charge. Die Inszenierung bleibt an der Oberfläche. Carmen-Maja Antoni legt deftig eine mannstolle alte Witwe hin, der Christopher Nell als elastischer Leder-Gigolo Ferdinando ans Vermögen will. Die eigentliche Herzenskatastrophe, die da passiert, gerät an den Rand: denn Giacinta liebt nun doch den anderen, den Guglielmo. Aber die beiden werden aufeinander verzichten. Giacinta drängt den Geliebten in die Ehe mit der Schwester Leonardos. Der tiefere Ernst, die Schwermut, die über dem Müßiggang der Feriengäste liegen, auch die Verlogenheit eingeübter Konventionen geraten an den Rand. Die Sache wird vergröbert.

Manche Details, auch in den Bühnenbildern von Karl-Ernst Herrmann, deuten an, dass Peymann das Stück näher an die Gegenwart heranziehen will. Das gelingt ihm aber nicht überzeugend. Und es bleibt auch der Schluss ganz halbherzig. Katharina Susewind hat in der ersten Stunde der Aufführung sehr klar eine resolute Kopf- und Körper-bewusste junge Frau gespielt, die sich weder vom eigenen Vater noch sonst irgendjemand das Wort nehmen lässt. Damit hat es zu tun, wenn sie sich am schmerzlichen Ende entschließt, den nun ungeliebten Mann zu heiraten, auf den Geliebten zu verzichten und diesen gleich doppelt unglücklich zu machen. Sie tut es nicht wegen "Vernunft", wegen "Ehre" oder aus gesellschaftlichen Rücksichten. Sie tut es aus Verantwortung und Selbstachtung. Das kann man bei dieser Frau hier, die jetzt weniger bei Goldoni, als in unserer Zeit zuhause sein soll, nicht wirklich verstehen. Im ersten Teil hat man sich noch amüsiert. Aber dass in diesem Goldoni so etwas steckt wie ein von Watteau gemalter Cechov, und dass manche Figur in dieser Komödie ihre sehr eigene Tragödie erlebt - davon vermittelt Peymanns Inszenierung kaum etwas.
Peter Hans Göpfert
, kulturradio

Bewertung:

Stand vom 21.12.2009