Das Theaterjahr 2009 in Berlin und Brandenburg
Ein Rückblick
Es ist jetzt nicht originell: aber auf die Frage, was denn in dem zurückliegenden Theaterjahr in unserem Einzugsgebiet besonders enttäuschend war, kann ich kaum eine andere Antwort geben als die, die man allenthalben hört: es ist der Saisonstart der neuen Intendanten am Deutschen Theater und am Hans Otto Theater, Ulrich Khuon und Tobias Wellemeyer. Bei beiden Häusern muss ich natürlich sagen, dass ich beim besten Willen noch nicht alles sehen konnte, was dort bisher gezeigt wurde.
Nichts, was ich am DT gesehen habe, fällt in die Kategorien Paukenschlag oder Feuerwerk. Nur Jorinde Dröses spielerisch musikalisch herzerfrischender Woyzeck, der im Wilson wieder den Büchner entdeckte, war eine erstklassige Überraschung. Sonst aber hat keine der Inszenierungen in der Schumannstraße die vollmundigen Versprechungen, die man zu hören und zu lesen bekam, ganz eingelöst. Es ist offensichtlich hochproblematisch, dass man gleich zu Beginn einen einzelnen Regisseur wie Andreas Kriegenburg derart massiv als prägende Inszenierungs-Persönlichkeit herausgestellt hat. Und gerade auch wenn man die große Schauspieler-Tradition des Hauses vor Augen hat, macht das derzeitige darstellerische Potenzial, das zur Verfügung steht, sehr nachdenklich. Es ist vielleicht bezeichnend, dass am Deutschen Theater eine Inszenierung, die man unter der strengen Brecht-Lupe als eigentlich ganz falsch ansehen müsste, nämlich Thalheimers aus Hamburg importierte Aufführung von Brechts Puntila, zum besten gehört, und das wegen eines Schauspielers, der aber leider nur als Gast mitwirkt: Norman Hacker.
Und bei Hans-Otto ist es die Sorge, dass dort vielleicht mit Selbstüberschätzung, zu einseitigem Anspruch und ebenfalls mit mangelnden darstellerischen Möglichkeiten die große Lust verspielt werden könnte, die Uwe Eric Laufenberg den Potsdamern an ihrem Theater gemacht hat.
Wenn ein Autor in diesem Jahr gelitten hat, dann war es unser heißgeliebter Shakespeare William
Zu seiner Zeit wurden ja die Frauenrollen von Kerlen verkörpert. Offenbar ist jetzt umgekehrt die neueste Masche, möglichst viele Männer-Rollen von Frauen spielen zu lassen. Mit dieser Methode wurde daraus bei Katharina Thalbach, der unverwüstlichen, am Kurfürstendamm noch der größte, wenn auch nur ein halber, Spaß mit Wie es euch gefällt. Am Deutschen Theater wurden wir mit einem Othello bekannt gemacht, der kein Mohr, aber eine Frau ist und im Gorilla-Kostüm kingkongmäßig den Mann rauslässt. Am Gorki-Theater sahen wir auf dem Rialto in Venedig Shylock und Antonio in Frauengestalt – ganz ohne Gewinn. Macbeth in Potsdam wurde nun zwar von keiner Frau gespielt, aber die Inszenierung von Lukas Langhoff war alberne Avantgarde der tief provinziellen Möchtegern-Art, Stichwort Spaghetti mit Tomatensoße. Nicht den Dramatiker Shakespeare, sondern den Dichter der Sonette holte Robert Wilson am Berliner Ensemble auf die Bühne: sehr niedlich, auch recht poetisch, perfektes, mit Menschen besetztes Puppentheater, aber Routine, ohne große Suggestion. Zwei kleinere frische Shakespeare-Ereignisse möchte ich aber dann doch nicht vergessen: Romeo und Julia am Gorki-Theater, im Nightclub- und Gang-Milieu angelegt, fast als hoch-effektvolles Jugendtheater; und dann: den akrobatischen Sturm des Hexenkessels im Sommer im Amphitheater, da gab es einen verdoppelten Luftgeist Ariel, und wenigstens einer davon war, natürlich, eine Frau!
Ich fände es sehr schön, wenn die Premieren an den Theatern wieder etwas authentischer und etwas ehrlicher würden. Es gab mal eine Zeit, da war es fast ein Sprichwort: Schauspieler gehen nie ins Theater, mit Ausnahme von Bernhard Minetti. Die spielen gern, sagte man, aber sie sind nicht gerne in der Rolle des Zuschauers. Das hat sich total geändert. Schon seit vielen Jahren hat man den Eindruck, an einigen Theatern seien alle gerade spielfreien Schauspieler geradezu vertraglich verpflichtet, bei den Premieren ihrer Kollegen im Parkett zu erscheinen. Wenn es nach dem Jubel ginge, den man da erlebt, gäbe es auf unseren Bühnen nur noch Riesenerfolge. Neulich saß gerade mal wieder so eine richtige Klatschmaschine neben mir. Deshalb schlage ich vor, es doch mal mit Extra-Vorstellungen für die Kollegen Schauspieler und deren liebe Angehörige und Freunde zu versuchen. Dann gäbe es für die Premieren automatisch mehr Kaufkarten.
Peter Hans Göpfert, kulturradio
Stand vom 28.12.2009