Deutsches Theater: "Krankenzimmer Nr. 6"
Von Anton Tschechow
Wenn man ein paar veröffentlichen Gedankenspritzern von den Proben glauben will, gab es diesen dringenden Wunsch, etwas Freies und Neues zu machen, das nicht an eine strenge Form gebunden ist. Anton Tschechows Krankenzimmer Nr.6, ein Kleiner Roman, eine Novelle, eine Erzählung (wie immer man will) dürfte den meisten Zuschauern eher unbekannt sein, jedenfalls nicht fester Bestandteil eines Theaterbesucherlebens wie die großen Dramen des Autors. Gotscheff macht nun auch nicht ein Tschechow-Stück aus zweiter Hand aus der Vorlage. Er verwendet auch nur Teile der Handlung, aber er erzählt sie nicht etwa, was durchaus möglich wäre, naturalistisch nach. Es ist vielmehr eine freie Paraphrase, ein ironischer Kommentar zu Tschechows dramatischem Repertoire – und, das ist der Witz der Sache: Tschechow selbst fungiert hier gleichsam als dramaturgischer Assistent.
Krankenzimmer Nr.6
Diese 1892 veröffentlichte Erzählung ist immer wieder auch als Kommentar auf die russischen Verhältnisse gelesen worden, auch als Verarbeitung von Tschechows berühmter Reise in die Sträflingskolonie Sachalin. Schauplatz, im Roman, ist ein heruntergekommenes Krankenhaus in der Provinz. In dem besagten Krankenzimmer sind Geistesgestörte untergebracht. Herausragender Patient ist ein unter Verfolgungswahn leidender Gerichtsvollzieher a.D. Die Klinik wird von dem resignativen Arzt Andrej Efimyč Ragin geleitet. Doktor und Patient führen Gespräche, bei denen der Mediziner als passiver Stoiker argumentiert (was zugleich an Tschechows Interesse am Stoizismus und an Marc Aurel erinnert) und worin der Kranke (als der eigentlich Gesunde) eine Zukunftszugewandte aktive Position vertritt. Am Ende wird der Arzt selbst für geisteskrank erklärt und wird mit den anderen Patienten zusammengesperrt.
Das Ensemble ruft gemeinsam nach "neuen Formen"
Bei Gotscheff ist das Krankenzimmer gar nicht eng, es ist die weite leere Bühne. Es ist also mehr ein Zustand als ein konkreter Raum. Gotscheffs Leib- und -Magen-Bühnenbildnerin Katrin Brack lässt diesmal nichts rieseln, nichts schäumen. Sie fährt nur die mächtigen Scheinwerferbatterien bedrängend und blendend herab. Margit Bendokat, mit ihrer unvergleichlichen kindhaften Stimme, figuriert angetan wie ein kurioses Schulmädchen, ausgerechnet als der rüde Wächter der Anstalt, Nikita; sie gibt als Erzählerin Auszüge der Handlung. Die anderen sechs Spieler, Männer und Frauen, dazu kommt ein Mensch mit gelegentlich kräftig gurgelnder Tuba, - sie geben in Frack, Bermudas, Brautkostüm und anderen Fantasie-Outfits die Patienten. Gotscheff, dies ist der Clou seiner Projektion, bevölkert das Krankenzimmer mit Figuren, Figurencollagen, mit Zitaten und Motiven aus Tschechows Dramen. Almut Zilcher, eine Cocktail-Mischung aus der Ranevskaja des Kirschgartens und der Arkadina der Möwe, kommt aus Paris, lamentiert dick auftragend über das ertrunkene Kind, das Abholzen der Bäume, und ermahnt den Sohn, nicht wieder piffpaff zu machen. Katrin Wichmann ist ein bisschen Nina aus der Möwe, leidet aber auch als die liebende ungeliebte Sonja aus Onkel Vanja. Und allenthalben tönt die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft, die Notwendigkeit zu harter Entbehrung und Arbeit, vor allem aus den Drei Schwestern. Und das Ensemble ruft gemeinsam nach "neuen Formen", wie sie der junge unglückliche Dichter Konstantin in der Möwe verlangt.
Gotscheffs Inszenierung ist ein hübsches Capriccio, das Tschechow-begeisterten und Tschechow-müden Zuschauern spielerisch Spaß machen wird. Samuel Finzi, den man aus verschiedensten Fernseh-Krimis schon als Pathologen kennt, steckt hier kauzig im Kittel des Doktors und späteren Patienten. Den Gegenpart verkörpert, (selbstverständlich für Gotscheff und gegen die Ansagen der Intendanz, auf Gast-Besetzungen ganz zu verzichten), Wolfram Koch. Das ist, auch als permanentes Rate- und Wiedererkennungsspiel, durchweg amüsant und schauspielerisch gelungen. Aber eine tiefere Bedeutung gewinnt dieser Abend nicht, auch an die Ernsthaftigkeit, die der Roman - selbst im satirischen Witz - besitzt, reicht er nicht heran, eher schrammt er am niedlichen Kunstgewerbe vorbei, dies aber durchaus elegant.
Peter Hans Göpfert, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 27.02.2010