Staatstheater Cottbus: "Wie im Himmel"
Bühnenfassung des gleichnamigen schwedischen Spielfilms
Kay Pollaks schwedischer Film Wie im Himmel war ein großer, auch internationaler Erfolg. Im Jahr 2005 war der Film, der von der Kraft der Musik und dem Wunsch des Dirigenten Daniel Daréus handelt, mit der Musik die verwundeten Herzen der Menschen zu heilen, sogar für den Oscar als "Bester ausländischer Film" nominiert. Am Staatstheater Cottbus hat jetzt Regisseur Mario Holetzeck den Film, in dem viel gesungen und musiziert wird, für das Theater adaptiert.
Die Inszenierung bleibt
zwar ganz eng an den wohl 100 Film-Szenen, die meisten Figuren tauchen auf der Bühne auf, die Handlung wird fast 1:1 nacherzählt, und doch ist alles ein bisschen anders. Denn in der Bühnenfassung fehlt dem Spiel die Intensität, alles, was im Film den Zuschauer ans Herz und an die Nieren geht – z. B. der Kampf des Dirigenten Daniel um den richtigen Ton, die internen Beziehungsprobleme im Chor, die Intrigen und Eheprobleme der schwedischen Dorfbewohner –, das alles wird Szene für Szene abgehakt, aber nicht wirklich bis zu dem Punkt, an dem es weh tut, ausgespielt. Außerdem fehlt vielen Figuren, weil sie leichte Veränderungen erfahren, etwas ganz Wesentliches: Das Motiv für ihre Handlungen,
Die Hauptfigur, Star-Dirigent Daniel Daréus, der sich nach einem Herzinfarkt und Nervenzusammenbruch in das abgelegene Dorf seiner Kindheit zurückzieht, ist im Film ein völlig introvertierter Mensch, fast ein Autist, er kann nur mit Hilfe der Musik kommunizieren. Was körperliche Liebe ist und wie man sie zum Ausdruck bringt, weiß er nicht. Auf der Bühne macht Gunnar Golkowski aus dem introvertierten Daniel einen ziemlich aufgekratzten, manchmal sogar witzigen Musiker, dem die Frauen zu Füßen liegen, und dem man, wenn er nicht ab und zu Blut spucken würde, nicht anmerkt, dass er ein zu Tode verwundeter, einsamer Mensch ist.
Im Film wird
der Kirchenchor, bevor Daniel ihn übernimmt, von einer religiös fanatischen und sexuell verklemmten Frau geleitet, die sich ihre eigenen erotischen Bedürfnisse nicht eingestehen kann und gegen Daniel intrigiert. Auf der Bühne wird aus der Frau ein Mann, damit fällt die Motivation für die Intrigen in sich zusammen. Aus dem dicken Holmfrid, der sein Leben lang wegen seiner Fettleibigkeit gehänselt wird, wird auf der Bühne ein spindeldürrer Holmfrid, aus dem brutalen Macho Conny, der seine Frau Gabriella grün und blau schlägt, wird auf der Bühne ein kleines Würstchen, der nur laut kläfft, aber von seiner Frau noch getröstet wird: Figurenzeichnung und Handlung werden so aus dem Lot gebracht.
Mario Holetzeck macht zunächst einmal das einzig Richtige und hat ein Bühnenbild bauen lassen, das mehr abstrakt und assoziativ ist als realistisch, alles ist weit und weiß, sogar das Klavier ist weiß, und manchmal rieselt leise der Schnee. Hier könnten die vielen kleinen Szenen harmonisch ineinander übergehen. Doch dann macht Holetzeck einen fatalen Fehler: Nach jeder Mini-Szene gehen die Lichter aus, im Dunkeln tapern einige Darsteller von der Bühne, andere kommen herein, statt dass die Schauspieler ein neues Requisit mit auf die Bühne bringen, tragen Bühnenarbeiter die Gegenstände herein oder heraus. Dadurch verliert die Inszenierung an Tempo und Spannung, alles zerfällt in viele kleine Szenen, alles dehnt sich und verliert an Kraft.
Der Gesang steht im Mittelpunkt
und die Schauspieler haben das nötige musikalische Rüstzeug, es wird nicht herumgealbert und persifliert, sondern ernsthaft und großartig gesungen: erst von den Schauspielern, später auch von der Singakademie Cottbus, die den immer größer werdenden Chor auffüllt. Doch trotz des großartigen Chorgesanges fehlt dem Finale dann doch die bewegende Qualität des Films: Der Chor reist zum Gesangswettbewerb nach Österreich, aber als sie anfangen wollen zu singen, fehlt Dirigent Daniel. Der Chor ist verunsichert, dann versucht ein Sänger seinen ihm eigenen Ton zu finden, die anderen machen es genauso, schließlich singen Chor und Auditorium gemeinsam den perfekten Chorgesang.
Im Film hört der einsam sterbende, in seinem eigenen Blut liegende Daniel auf der Toilette den perfekten Gesang über die Lautsprecheranlage: Daniel ist glücklich, er lächelt, er weiß, er hat mit seiner Musik den Menschen geholfen, jetzt kann er in Ruhe sterben. Auf der Bühne stirbt Daniel vor dem finalen Chorgesang und geht ab in ein etwas kitschiges Jenseits, erst dann beginnt der Chor, dessen Mitglieder sich auch unters Publikum gemischt haben, zu singen: ein kleiner, aber doch bedeutender Unterschied.
Frank Dietschreit, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 08.03.2010