Komische Oper Berlin: "Orlando"
Opera seria von Georg Friedrich Händel
Die Tradition der Händel-Aufführung an der Komischen Oper ist eine erhebliche, wenn auch schwankende. Seit den großen Tagen von Jochen Kowalski (Giustino, Giulio Cesare) geht es eher auf und ab. Trotz Ausreißern nach oben (etwa Orest von Sebastian Baumgarten oder, noch länger her, Alcina von David Alden) mehren sich die Fälle von: "Das haben wir schon besser gehabt." So ein Fall ist Orlando.
Schon bei der Uraufführung 1733
ein kapitaler Flop, rast sich in dieser Satire auf die Opera seria der rasende Roland fast buchstäblich zu Tode. Fatalerweise nimmt der norwegische Opern-Debütant Alexander Mørk-Eidem die absurde Handlung romantisch ernst, ja bierernst. Angelica (Brigitte Geller), ihres Zeichens Königin von China, und den afrikanischen Prinzen Medoro findet er in einem Shakespeareschen Tannenwald wieder, welcher – Grußadresse an die Opernregie-Hasser! – auf der Innenseite eines rotierenden Ikea-Silos untergebracht ist. Weil die Komik nur den Randfiguren überlassen wird, zieht sich das Ganze ziemlich. Auch deswegen, weil Händel (nicht zum ersten Mal) kompositorisch erst im 3. Akt ganz zu sich kommt. Zu spät.
In dem sängerisch
achtbaren Ensemble irritieren Fehlbesetzungen. Mariselle Martinez als Orlando: zu feminin. Da auch Medoro mit einer Mezzo-Sopranistin (Elisabeth Starzinger) besetzt ist, piepsen die Damen sozusagen um die Wette. Auch wenn sich Mørk-Eidem auf die Geschlechterwechsel irgendwie einen Reim zu machen versucht, bleibt zu beklagen, dass die Komische Oper mit ihrer Counter-Tenor-Tradition gebrochen hat.
Es beeindrucken am ehesten Julia Giebel als bukolische Kampf-Soubrette und Wolf Matthias Friedrich, ein elastisch dröhnender Zarathustra. Dazwischen hüpft (in der stummen Rolle der Isabella) auch noch ein unschön berockter Bernd Stempel herum, als Serviertochter des Grauens. Warum?
Das Orchester,
sehr hoch im Graben exponiert, kommt mit Alessandro De Marchi recht gut klar. Ich habe es schon inspirierter gehört. Folgt: Im opulenten Zauberwald versucht man sich auf die Seite eines nicht zuletzt dekorativen Feelgood-Händel zu retten, strauchelt aber spätestens daran, dass Orlando kein erstklassiges Werk ist. Eher etwas für KO-Fans.
Deutlicher gesagt: Die Händel-Strecke an der Komischen Oper beginnt sich allmählich totzulaufen.
Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 27.02.2010