Komische Oper Berlin / New York Harlem Theatre: "Porgy and Bess"
Musical von George Gershwin
Wer nach New York fährt und dort nach einem "Harlem Theatre" sucht, wird nichts finden. Das New York Harlem Theatre, das vor etwa einem halben Jahr durch den Dokumentarfilm Porgy and Me schlagartig an Bekanntheit gewann, ist ein reines Gastspiel-Theater. So auch jetzt in Deutschland.
Vor Berlins Komischer Oper gastierte man in der Kölner Philharmonie; nach Berlin folgt das Mannheimer Nationaltheater. Ein solches Unternehmen funktioniert natürlich nur, wenn es sich rechnet, und so muss man entsprechende Produktion auch nach dem Geschmack des breiten Publikums auswählen und einrichten.
Entsprechend konventionell
inszeniert ist diese Porgy and Bess-Produktion. Um es deutlich zu sagen: Sie bleibt ziemlich an der Oberfläche. Dabei ist George Gershwins Oper trotz der ganzen Hits kein sehr fröhliches Werk. Da geht es um die Schwierigkeiten der schwarzen Bevölkerung, um den täglichen Kampf ums Überleben. Es dominieren Themen wie Armut, Diskriminierung, Gewalt, Drogen, Mord und Totschlag.
Die New Yorker Produktion hält dem ein am Musical orientiertes "Was sind wir heute wieder so verdammt gut drauf"-Theater entgegen. Das ist perfekt durchchoreographiert und wuselt nur so über die Bühne. Über die Figuren selbst, ihre Motive, Hintergründe, über ihre Geschichten erfährt man kaum etwas. Eindimensional werden Gefühle durch einstudierte Allerweltsgesten dargestellt. Die Absicht ist klar: Das wendet sich an ein Publikum, das sich unterhalten und nicht noch abends Probleme wälzen will. Unterhaltsam ist das allemal, ausgezeichnet arrangiert, aber es bleibt wenig in Erinnerung.
Stimmlich ergeht es
der Aufführung wie der Inszenierung: Es geht kaum in die Tiefe. Und auch die ganzen bekannten Songs hat man schon einmal mit mehr Intensität und individueller Gestaltung, einfach charaktervoller gehört. Gleich am Beginn kommt Summertime mit schepperndem Vibrato. Einzige wirklich positive Ausnahme ist It Ain’t Necessarily So in einer wunderbar schmierigen Interpretation.
Porgy ist hier ein lieber Kerl mit angenehm warmer Stimme, der allerdings bei größeren Ausbrüchen an seine Grenzen stößt. Bess wirkt stimmlich ziemlich eindimensional. Vor allem aber ist es fast durchgehend zu laut. Da muss man sich nicht wundern, wenn vielleicht der eine oder andere Sänger dem strapaziösen Tournee-Betrieb Tribut zollen muss.
Vom Orchester erfährt man
im Programmheft nichts. Vielleicht weil es extra für diese Tournee zusammengestellt wurde? Der künstlerische und musikalische Leiter William Barkhymer, der das Harlem Theatre vor bald drei Jahrzehnten mitgegründet hatte, hat am Pult die Sache sicher im Griff; die Musik wird zuverlässig und perfekt heruntergeschnurrt. Aber auch hier werden die dynamischen Möglichkeiten bei weitem nicht ausgeschöpft. Es bleibt ein netter Klangteppich, kaum mehr als eine angedickte Soße. Gerade das, was Gershwins Musik auszeichnet: das Populäre, das aber immer Raum für Zwischentöne hat, die Brillanz, die auch Herbheit und Melancholie kennt, fehlte. Gershwin wurde da deutlich unter Niveau angeboten.
Die Produktion bleibt Geschmackssache: Wer nur einen unterhaltsamen Abend verbringen will, kann das dort tun; wer mehr von der Oper erwartet, sollte sich allerdings das Eintrittsgeld sparen.
Andreas Göbel, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 28.07.2010