Nikolaisaal Potsdam: Martin Grubinger & Friends
Wenn ein junger Schlagzeuger wie Martin Grubinger, Jahrgang 1983, bereits so erfolgreich ist, müssen mehrere Faktoren zusammentreffen: zum einen Können. Martin Grubinger beeindruckt durch seine Leichtigkeit, seine Selbstverständlichkeit, vor allem durch seine Sicherheit. Die meiste Zeit steht er am Marimbaphon, und er beherrscht das traumwandlerisch, kann unglaubliche Tempi gehen. Er spielt, so hat es den Anschein, schneller als sein eigener Schatten. Zum anderen aber: Grubinger weiß, was beim Publikum Erfolg hat. Er spielt fast immer mit einem leichten Lächeln um die Mundwinkel, körperbetont und mit großer Geste. Er führt unterhaltsam durch den Abend und sagt Sätze wie "Schlagzeugspielen ist mehr als Krachmachen und Draufhauen." Am Ende steht eine Komposition aus eigener Feder: ein Jux- und Radaustück, in dem Schlagstöcke jongliert, balanciert und in die Luft geworfen werden. Das kommt an und sorgt für Jubel und stehende Ovationen.
Ist das jetzt eine Ein-Mann-Show?
Zugegeben: Martin Grubinger steht im Mittelpunkt; die anderen haben meistens Begleitfunktion. Dabei sind sie alle kaum schlechter als er – die anderen, das sind sein Vater, sein Lehrer, zwei junge Kollegen und, nicht zu vergessen, ein ausgezeichneter Pianist. Und es fasziniert: Alle sind hervorragend aufeinander eingespielt; es stimmt bis ins kleinste Detail, sie können sich blind aufeinander verlassen. Das Zusammenspiel ist von gegenseitigem Respekt geprägt.
Der eigentliche Schwachpunkt des Abends ist die dargebotene Musik
Alles Werke der letzten drei Jahrzehnte, und eins haben fast alle von ihnen gemeinsam: Sie wirken zu lang und sind erschreckend oberflächlich. Jedes Stück ist im Ansatz ein wenig anders: Hier klingt es nach Gruppentherapie mit Urschreiübung, dort mehr nach Improvisation, einmal beginnt es von Ferne mit Meeresrauschen und Vogelpiepsen. Jede Komposition endet dann aber mit ähnlichen atemberaubenden virtuosen Kunststückchen, die dann doch mehr an Akrobatennummern im Zirkus erinnern. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Martin Grubinger das alles nur ausgewählt hat, um sein guinnessbuchverdächtiges Können zu zelebrieren und zu zeigen, dass er der Lang Lang des Schlagzeugs ist. Musikalisch war das allerdings alles recht dürftig; es war ständig etwas los, und trotzdem hörte man irgendwann nicht mehr hin.
Ein Stück jedoch fiel aus dem Rahmen: Iannis Xenakis‘ Okho für drei Schlagzeuger beginnt mit recht einfachen rhythmischen Mustern, die immer komplizierter werden, immer weiter angereichert und immer unregelmäßiger. Die zahlreichen Akzente stehen in der Regel genau dort, wo man sie nicht erwartet. Konzipiert mit fast mathematischer Strenge, entfaltet die Musik trotzdem eine unglaubliche Sogwirkung durch ihre sinnlichen Momente. Mal klingt es leise wie auf das Dach tropfender Regen, mal dröhnende krachende Schläge durch den Saal, Pistolenschüssen vergleichbar. Was sollte man mehr bewundern: das herrliche Stück, das einzige an diesem Abend ohne billige Effekthascherei – oder das großartige Können der Musiker, die diese fast unspielbare Komposition darboten, als wäre es das Leichteste von der Welt. Allein dafür hat sich das Konzert gelohnt – alles andere war dagegen bloße Spielerei.
Andreas Göbel, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 06.03.2010