Philharmonie Berlin: Pat Metheny
"The Orchestrion Tour"
Das gestrige Konzert von Pat Metheny in der Philharmonie wurde von seinen Fans mit großer Spannung erwartet. Keiner wusste so ganz genau, was auf die Zuhörer genau zukommt. Metheny präsentierte sein aktuelles Solo-Album Orchestrion, das klingt, als wäre er mit seiner Band, mit der Pat Metheny Group, im Studio gewesen. Aber Metheny spielt "nur" Gitarre bzw. viele verschiedene Gitarren. Und mittels einer von diversen IT-Experten lange ausgeklügelten Computertechnik werden über diese Gitarren etliche akustische Instrumente angesteuert und zum Klingen gebracht: Perkussionsinstrumente, ein Flügel, Vibrafon, Marimbafon, Glöckchen, ein Xylofon, Trommeln, eine Bassgitarre und diverse Flaschen.
Zu Beginn des ausverkauften Konzertes
sieht man von all dem nur einen Bruchteil des Instrumentariums. Metheny spielt zunächst einige Stücke nur auf unterschiedlichen Gitarren, wie er das seit einigen Jahren bei fast jedem seiner Konzerte tut. Nach ca. 20 Minuten fällt ein rötlicher Vorhang und hinter dem Meister steht ein riesiges Chromgitterregal mit diversen Fächern, in denen all die Instrumente eingepasst sind. Immer wenn im Verlauf des Abends eines der Becken, eine Trommel usw. erklingt, leuchtet an diesem Instrument ein kleines Lämpchen. Das wirkt wie in einer überdimensionalen Spielothek und Pat Metheny freut sich im Grunde wie ein kleiner Junge, der sich in einem Spielzeugkaufhaus ungezügelt austoben kann.
Aber Metheny ist kein Clown, er weiß ganz genau, was er will und was er tut. Seit Jahren grübelt er, wie er die mechanische Funktionsweise des vor über 100 Jahren erfundenen Orchestrions in die Gegenwart transformieren und seinen musikalischen Vorstellungen anpassen kann. Es gelingt ihm auf faszinierende Weise. Gegen Ende des 2 ½-stündigen Konzertes lüftet er ein wenig den Schleier des Geheimnisses und demonstriert, wie er die Instrumente ansteuert und deren Klang übereinander schichtet.
Zu hören sind natürlich
die fünf Stücke der Orchestrion-Suite, wenn auch in anderer Reihenfolge als auf dem Album. Metheny spielt aber auch frühe Stücke, wie z.B. Unity Village von seinem ersten Album Bright Size Life (1976) oder Stücke aus dem Repertoire der der Pat Metheny Group. Hier wird aber deutlich, dass trotz der verblüffenden Klangvielfalt seines "Orchestrions" die Dynamik der Group nicht erreicht wird. Der Kontakt, die Kommunikation der Musiker untereinander ist eben doch ein ganz wesentliches Moment beim Musizieren. Das lässt sich auch nicht durch ein Hinwenden zu einem der wie von Geisterhand gespielten Instrumente ersetzen.
Pat Metheny ist ein Musiker,
der die Herausforderung sucht und braucht, die musikalische und die technische. Er hat die Entwicklung des Gitarrensynthesizers wie kein anderer vorangetrieben, er lässt sich ständig neue Gitarren nach seinen Klangvorstellungen bauen und nun hat er über die Traditionen der Produktions- und Aufführungsweise von Musik gesiegt. Er ist ein weiteres Mal in eine neue Dimension vorgestoßen. Wahrscheinlich wird er auf diesem Weg nicht weiter forschen, denn Metheny ist kein Autist, er ist ein überaus kommunikativer Künstler, der derzeit wohl kreativste im stilistisch weiten Feld Jazz, dessen Spektrum gerade durch ihn immer wieder erweitert wurde.
Ulf Drechsel, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 03.03.2010