Philharmonie Berlin: RIAS Kammerchors unter Hans-Christoph Rademann
Robert Schumann: Szenen aus Goethes Faust
Dass seine Faust-Szenen ein Problemkind waren, sah Schumann selbst am besten. Die Zeit hat hier wenig verändert. Man wundert sich, wie viele Chancen zur dramatischen oder auch psychologischen Gestaltung der Komponist nicht nutzte. Bürgerlich bieder wirkt das Meiste, einige magische Ansätze sacken sogleich wieder in Betulichkeit zusammen. Die Szenen bilden keine dramaturgischen Brücken untereinander, der lange dritte Teil mit der Szene im Himmel ist eine seltsame Mischung aus kraftvollen Ansätzen und kraftloser Fortführung.
Eine wahrlich schwierige Aufgabe,
die leider auch viele Chancen vergab. Das beginnt mit den Gesangssolisten, die alle mit der Nase in den Noten steckten und so die zum Teil peinlich versweise Vertonung auch noch betonten. Warum eigentlich kann man von einem Pianisten ein ganzes Klavierkonzert auswendig gespielt erwarten, von Sängern aber nicht, die ja auch Opernrollen auswendig lernen? Es hätte der Spannung gut getan, man hätte wenigstens ab und zu gemerkt, dass hier Charaktere nicht vor sich hin singen, sondern miteinander sprechen.
Löblich, dass alle Solisten sehr gut textdeutlich deklamierten, darüber hinaus kamen aber nur der einspringende Christian Elsner und Ruth Ziesack. Besonders Dietrich Henschels Faust blieb jede Charakterisierung des suchenden, manipulativen, verzweifelten Faust schuldig.
Chisrtoph Rademann hatte mit dem RIAS-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Spitzenkräfte zur Verfügung. Viel war im Detail ausgeleuchtet, doch leider blieb kein Viertel ungeschlagen, der große Atem, die Befreiung vom Kleinteiligen, blieb Rademann schuldig.
So bleibt als Fazit
vor allem das Erstaunen darüber, wie wenig Schumann die Dimensionen der Abgründigkeit Goethes erkannte, Humor, Sarkasmus, Hintergründiges werden Opfer einer fast servilen Demut vor dem Dichterfürsten.
Clemens Goldberg, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 02.01.2010