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Bühne, 05.02.2010

Staatsoper Unter den Linden: Agrippina; Foto(s): Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden: "Agrippina"

Barockoper von Georg Friedrich Händel

Vor ziemlich genau dreihundert Jahren wurde Georg Friedrich Händels Oper Agrippina in Venedig uraufgeführt. Das war aber sicher nur der äußere Anlass für die Staatsoper Unter den Linden, das Werk neu zu produzieren. René Jacobs, so etwas wie der Spiritus Rector der Alte-Musik-Aufführungen an der Staatsoper, wird seine Wahl sicherlich aus musikalischen Gründen getroffen haben; zu Recht, denn die Oper ist besonders reizvoll in ihrem Abwechslungsreichtum; etwas, das nicht auf jede Händel-Oper zutrifft. Schwer hat es natürlich die Regie, die mehr als vierstündige Aufführung mit ihrer Handlung um Macht, Intrigen und Liebe kurzweilig zu gestalten.

Das Regieteam um Vincent Boussard hat es sich nicht unbedingt leicht gemacht. Es spielt auf nahezu leerer Bühne; diese ist hier ein Kasten mit mehreren Reihen Perlenschnüre. Dadurch ist der Blick auf das Geschehen unterschiedlich klar und durchsichtig. Vor dem Orchester ist dann noch eine Art Laufsteg installiert. Boussard inszeniert die Oper in einer Mischung aus Symbolismus und Humor. Wenn etwa Agrippina ihre Intrigen beginnt, streift sie sich demonstrativ rote Handschuhe über. Wenn jemand sein Glück besingt, balanciert und stolpert er; das soll wohl bedeuten, dass Glück selten von ewiger Dauer ist und man ganz leicht abstürzen kann. Aufgelockert wird das Geschehen durch zahlreiche witzige Einfälle: Der Triumphwagen von Kaiser Claudius ist hier ein weißes Riesensofa, über dessen Lehne Claudius schon einmal hinten runter fällt. Er selbst ist am Ende köstlich eingekleidet mit Halskrause, Sonnenbrille und dunkelroter Strumpfhose; Modedesigner Christian Lacroix, der für die Kostüme verantwortlich zeichnet, hat offensichtlich Sinn für Humor. Trotz allem reichen die Einfälle nicht für vier Stunden; mitunter hängt das Geschehen spürbar durch; andererseits hat man sich in Händel-Opern schon mehr gelangweilt.

Wenn man sich trotz der Aufführungsdauer kaum langweilt, liegt dies an der geschlossenen sängerischen Ensembleleistung. Bejun Mehta als Intrigenopfer Ottone ist hier ein absoluter Sympathieträger, dem man seine Gefühlsregungen abnimmt. Wenn er verzweifelt ist, von allen verstoßen, wirkt seine Arie fast rührend. Nuancenreich und kultiviert trägt er sein Herz auf seinen Stimmbändern. Nicht weniger überzeugend die beiden Kontrahentinnen: Alexandrina Pendatchanska als intrigante Kaiserin Agrippina ist mehr der autoritäre Typ, kann sehr schnell stimmlich explodieren, und dann sollte man in Deckung gehen; daneben gelingen ihr jedoch auch wunderbar stille und ergreifende Momente. Anna Prohaska als Gegenspielerin Poppea ist dort besonders stark, wo sie sich verstellen muss, die falsche Schlange spielen darf. Da kokettiert sie, gurrt, ist heuchlerisch liebreizend und nutzt ihren stimmlichen Nuancenreichtum.

René Jacobs am Pult der Akademie für Alte Musik Berlin trat den Sängern nicht als Begleiter, sondern ganz selbstbewusst als gleichberechtigter Partner entgegen. Er zeigte, dass viele Arien eigentlich verkappte Duette sind, wenn die Singstimme mit einem Instrument kommuniziert; das wurde selten so deutlich wie bei dieser Aufführung. Vor allem aber hat Jacobs die Emotionen und Affekte klar herausgearbeitet. Oft wusste man schon nach dem Orchestervorspiel, also bevor der Sänger überhaupt den ersten Ton gesungen hatte, worum es in der betreffenden Arie geht. Spaß hatten die Musiker aber vor allem am Leichten, Tänzerischen vieler Arien; das gab sich wiegend und federnd, immer mit einem augenzwinkernden Lächeln versehen. Insgesamt also eine Produktion, die szenisch nicht durchweg überzeugen konnte, musikalisch jedoch ein reines Vergnügen ist.
Andreas Göbel, kulturradio

Stand vom 05.02.2010

Mehr Informationen zum Thema:

Staatsoper Unter den Linden Berlin
Georg Friedrich Händel: Agrippina
Musikalische Leitung: René Jacobs
Inszenierung: Vincent Boussard
Premiere am 4. Februar
Weitere Vorstellungen am 7., 9., 12. und 14. Februar (alle Vorstellungen ausverkauft)