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Bühne und Konzert

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Bühne und Konzert, 11.03.2010

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz; (c) dpa-Bildfunk

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: "Quai West"

Drama von Bernard-Marie Koltès

Man hatte nicht nur dieses Stück, man hatte auch seinen Autor fast ein bisschen vergessen. Dabei war Bernard-Marie Koltès in den Achtzigern / Anfang der Neunziger Jahre mal ganz große Mode, ein Kultautor. Da mutet es jetzt ziemlich bizarr an, wenn die Volksbühne einen Kommentar ausgräbt, der Koltès mit Mozart, Watteau und Kafka gleichsam auf eine gemeinsame Ebene der früh vollendeten Genies stellen wollte. Quai West ist in Berlin mehrfach zu sehen gewesen, übrigens auch an der Volksbühne, damals noch kurz bevor Castorf das Ruder am Rosa-Luxemburg-Platz in die Hand nahm. Jetzt ist es plötzlich wieder da. Gerade hat es Andrea Breth am Burgtheater inszeniert. Man hat dieses Stück hier eigentlich nie ohne Vorbehalte betrachtet. Heiner Müller fand es allerdings, wie er sagte, "enorm"“. Schroeter spielt jetzt die Fassung, die Müller nach einer vorliegenden Übersetzung hergestellt hat.

Schauplatz im Textbuch von Koltès ist ein verfallenes Viertel einer großen westlichen Hafenstadt, vom Zentrum durch einen Fluss getrennt. An diesem Hafen steht ein Hangar. Dieser Ort scheint bei Koltès hochmetaphorisch. Es regieren die Ratten. Wasser und Strom sind abgestellt. Keine Fähre kommt. Die Menschen, die hier leben, sind buchstäblich ausgespuckt. Eine Familie vermutlich illegal eingewanderter Südamerikaner. Der Sohn Charles will, mit welchen Mitteln auch immer, hinüber in die materiell besser ausgestattete Welt. Seinem stummen Freund Abad, das ist Koltès’ berühmter Pflicht-Neger, macht er Vorhaltungen, weil der nicht ganz so ehrgeizig ist. Charles’ kleine Schwester hängt an einem Typen, zwischen beiden gibt es eine Anziehungs , Verführungs- und Abstoßungsaffaire. Und in diese Zone, in der alles, die bloße Existenz wie der Körper, dem Handel, dem Deal gehorcht, kurvt ein Geschäftsmann, Jaguar 12 Zylinder, mit seiner schrillen Begleiterin auf. Dieser Maurice Koch hat die Millionen-Knete unter anderem eines Klosters verbrannt. Er pfeift plötzlich auf Rolex, Dupont-Feuerzeug, Kreditkarten und will sich das Leben nehmen, damit ist er zweifellos konsequenter als andere Wirtschaftskriminelle.

Schon der erste Blick auf die Bühne, die der Regisseur gemeinsam mit Jochen Hochfeld entworfen hat, zeigt, dass Schroeter sich nicht auf den Holzweg einer vermeintlichen "Aktualität" begibt. Nichts mit Hafen und Hangar. Man sieht eine Installation aus einer kippbaren runden schimmernden Scheibe, davor ist ein Wasserbehältnis wie ein Tisch aus der Versenkung gefahren. Dies ist ein künstlicher Ort. Es gibt hier nicht das Gegenüber von armer und reicher Welt. Diese Leutchen hier sind in eine Ödnis geworfen, aus der sie nicht herauskommen werden, selbst wenn sie Zündschlüssel und Verteilerkopf des Jaguars in Händen halten. Das ist das Interessante: der Filmmensch Schroeter inszeniert hier keinen schwarzen Kintopp. Er lässt eher ein surreales Endspiel austragen. Im Hintergrund raunt Sphärensound, aus dem man Partikel aus Elgars Seapictures fischen kann.

Koltès will nicht das Drama, er will den Zustand. Und in dem agieren die Darsteller gut zwei Stunden. Das reicht aber durchaus. Schroeter pfeift auf jedweden Hypernaturalismus. Koltès’ Text riecht ja sonst leicht nach Parfum, was viele unter Poesie verstehen und an Rimbaud denken lässt. Davon ist hier nichts zu merken. Andrea Breth tendierte zur Sprechoper. Auch davon ist hier keine Rede. Aber etwas mehr würde man schon gerne vom Text mitbekommen. Es wird lausig gesprochen. Vieles verhallt hier schrill oder wird vertuschelt. Bei Maria Kwiatkowsky, die eine frühreife 14jährige verzappelt (hat zuviel Kaffee getrunken) und mit Kinderstimmchen spielt, versteht man lange Strecken nur Bahnhof. Aus den langen Laokoon-Monologen winden sich am besten Sebastian König als auf Zaster gierender Einwanderer-Sohn Charles heraus und vor allem Silvia Rieger als seine Mutter, die eine sprachlich raffiniert ausgeklügelte Außenseiter-Nummer hinlegt. Werner Schroeter findet ganz zweifellos, trotz etlicher schauspielerischer Blässen und Defizite, eine eigene unverwechselbare Form. Nur eines kann auch er nicht: diesem redseligen leeren Stück, das reinster fadenscheiniger Kunststoff ist, Glaubwürdigkeit und Wichtigkeit geben.
Peter Hans Göpfert, kulturradio

Bewertung:

Stand vom 11.03.2010

Mehr Informationen zum Thema:

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
"Quai West"
Mit Peter Kremer, Pascale Schiller, Silvia Rieger u.a.
Regie: Werner Schroeter
Premiere: 10. März 2010
Nächste Vorstellungen: 12. und 24.03., 04. und 25.04.2010, jeweils um 19:30 Uhr

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