
Frank Castorfs spielt Molières Komödie als platten, oft holzig unlustigen Schwank.
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Die Heiratsvermittlerin in Gestalt von Kathrin Angerer (deren Komplimenten man allerdings nicht allzu sehr vertrauen darf) sagt irgendwann einmal : "Du siehst Klasse aus, du siehst auch so gesund aus". Martin Wuttke war [nachdem die ursprüngliche Premiere letzte Woche im allerletzten Moment abgeblasen wurde] körperlich gestern in erstaunlicher Form. Er führt Damen mit Liegestützen seine Fitness vor, er erklimmt Sessel, wuchtet einen großen Tisch und steigt hoch die Wand hinauf zu einer Klappe, hinter der er seine Knete versteckt. Allenfalls wenn Frank Castorf zu seinem Lieblingskinderspielzeug, zum Video, greift, dann glaubte ich auf der Leinwand im Gesicht des Schauspielers das zu sehen, was man als Zuschauer nicht erst nach viereinhalb Stunden spürt: Erschöpfung. Ich habe selten so massive Abwanderungen während einer Vorstellung erlebt wie hier. Allerdings hatte ich auch das Gefühl, dass eine Jugendgruppe überstürzt ins Freie begleitet wurde, als auf der Leinwand von koprophagen sexuellen Praktiken die Rede war.
Es wird wiederum auf der sterilen Sommerjahrmarktsbühne gespielt, auf der Wuttke bereits selbst den "Eingebildeten Kranken" inszeniert hat. Und wieder gibt es den Vorhang, auf den geschrieben ist: zum totlachen. Dieser Wunsch, den man jedesmal liest, wenn der Behang heruntergeht, bleibt auch diesmal unerfüllt. Zu Beginn hat man den Eindruck, Castorf wollte eine Molière-Parodie spielen. Harpagons Sohn Cléante und Valère, der Geliebte seiner Tochter Elise, der sich als Diener ins Haus Harpagons geschummelt hat, tragen alberne Glitzerjacken zu Slips und Strumpfhosen. Sie überbieten sich um die Wette mit Elise schreiend, als stünden sie auf einem Dilettanten-Theater oder wollten tatsächliches schauspielerisches Unvermögen regelrecht über-spielen. Anschließend beschweinigeln sie mit heruntergelassenen Höschen Vatis Lieblingssessel.
Man fragt sich streckenweise, ob Castorf mit dem Fritsch-Haus-Virus der Spanischen Fliege infiziert sei (oder dies zumindest wünsche). Er spielt Molières Komödie als platten, oft holzig unlustigen Schwank, laut und angestrengt aufgedreht. Wuttkes eigener komödiantischer Vorrat ist auch nicht so groß, dass sich der Geizige darstellerisch grundsätzlich vom maladen Argan unterschiede. Harpagon ist ebenfalls ein krähender Zappelphilipp und Rumpelstilz.Er spuckt weiter und öfter als Franck Ribéry. Er läuft zu ganzer Klamottengröße auf, wenn er der heiratsvermittelten Mariane, die angeblich überreife Männer bevorzugt, einen hyperarthritischen Greis vorspielt. Oder wenn er sich mit einer Klistierspritze ein Aphrodisiakum einflößt, und zwar anal ebenso wie oral. Die Nähe Molières zur commedia dell’arte kommt am ehesten noch in Szenen mit Kathrin Angerer zum Tragen, die als Rokoko-Püppchen agiert und mit der diesmal doch nicht ganz so unverwüstlichen Sophie Rois, die maL als Koch und Kutscher oder Diener figuriert und zum Rollenwechsel kurzerhand mal abgeht und gleich wieder auftritt.
Noch einigermaßen erträglich ist ein Live-Video, in dem Wuttke plötzlich als Marat in der Badewanne liegt und ein Kolleg über Geiz, Verschwendung und Banken-Spekulationen hält mit der Forderung, die Verhältnisse müssten sich ändern – auch wenn diese Szene theatertechnisch ein alter Hut ist und eigentlich unfreiwillig selbstironisch wirkt. Gänzlich lästig wird das Video-Getue, wenn der unvermeidliche Volker Spengler ins Spiel kommt und alles in ein nun völlig unübersichtliches endloses schreiendes Chaos stürzt. Sehr hübsch allerdings gerät eine Videosequenz, in der Wuttke unversehens verkündet, er werde Leipzig verlassen und nach der Spurensicherung verlangt. Harpagons Kassette ist futsch, und wir sind plötzlich in einem prima Tatort. Sophie Rois ist Hauptkommissarin und droht mit Dienstaufsichtsbeschwerde. Sonst hat man zur Mitternacht allerdings das Gefühl, das Molière-Projekt der Volksbühne sei ziemlich auf Grund gelaufen.
Peter Hans Göpfert, kulturradio