Maxim Gorki Theater: Der Trinker mit Andreas Leupold und Samuel Finzi; Foto: © Thomas Aurin

Mo 06.02.2012

Bühne

Maxim Gorki Theater: "Der Trinker"

Bewertung: zwiespältig

Bewirbt sich Sebastian Hartmann mit dieser Inszenierung um die Intendanz des Gorki-Theaters? Denkbar wäre es schon. Der Posten wird im Sommer 2013 frei – genau zu dem Termin, an dem Hartmann seinen Intendantenstuhl in Leipzig räumt. Doch seine Trinker-Inszenierung ist keine gute Visitenkarte. Der Regisseur hat rigoros am Thema vorbeiinszeniert. Vom Leiden des Trinkers, seinem Schmerz und Selbsthass ist nichts zu spüren. Kritik an einer Gesellschaft, die auf Alkoholismus mit Strafen reagiert, aber nicht mit Hilfsangeboten, kann man nur mit viel gutem Willen erahnen.

Fallada hat in seinem Roman eigene Erfahrungen verarbeitet. Er war selbst Alkoholiker und nach einem mutmaßlichen Totschlagsversuch an seiner Frau 1944 dreieinhalb Monate in Haft. Dort hat er das Buch geschrieben. Wenn man es liest, kann man eigentlich gar nicht anders, als mit der Hauptfigur Mitleid zu empfinden, in gewissen Grenzen sogar Sympathie. Doch mit solchen Emotionen will Sebastian Hartmann nichts zu tun haben. In seiner Inszenierung wird die Geschichte nicht direkt gespielt, sondern von zwei Schauspielern erzählt. Schon allein das schafft Abstand.

Referenz Edgar Allan Poe
An den Anfang hat der Regisseur ein Zitat aus einem Gedicht von Edgar Allan Poe gestellt: "All what we see or seem is but a dream within a dream" – Auf Deutsch: "Alles was wir sehen oder als was wir erscheinen ist nur ein Traum in einem Traum." Das mag bei einem derart realistischen Stoff überraschen, aber wenn man das Gedicht in Gänze kennt, weiß man, dass es da um einen Menschen geht, dem alles zu entgleiten scheint und der sich fragt, ob er in seinem Leben nichts festhalten kann. Das könnte ein Schlüssel für die Trinker-Geschichte von Fallada sein – aber es wird im weiteren Verlauf der Inszenierung nicht aufgegriffen.

Stattdessen sieht man, wie die Schauspieler Samuel Finzi und Andreas Leupold den Text sprechen. Die beiden sind natürlich Profis und können an winzigen Details Haltungen festmachen. Sie starren zum Beispiel verloren vor sich hin, wenn Erwin Sommer (die Hauptfigur des Romans) erzählt, warum er mit dem Trinken angefangen hat. Sie können ihre Augen leuchten lassen, wenn sie vom Genuss eines Schlucks Bier sprechen oder in der Szene, wo der Trinker seine Frau angreift, wütend auf den Boden stampfen. Doch das reicht nicht, um Interesse an der Figur zu wecken. Die beiden steigen auch nie ganz in die Rolle ein. Sie sind also nicht Trinker, sondern immer nur Schauspieler, die einen Trinker spielen.

Mattes Ekeltheater
In einer Schlüsselszene geht es darum, wie sich Erwin Sommer übergibt. Da halten sich Samuel Finzi und Andreas Leupold Schläuche an den Mund, aus denen eine braune Masse kleckert. Im ersten Augenblick sieht es wirklich wie Erbrochenes aus, aber dann fängt es im Zuschauerraum an, nach Gries zu riechen, und die Schauspieler halten sich die Schläuche nicht mehr an den Mund, sondern in den Schritt, die Achselhöhlen oder an den Po. Mit dem Mund produzieren sie weiter Kotzgeräusche. Das soll wahrscheinlich ironisch wirken, vielleicht auch provozierend, aber es ist einfach nur öde - ein matter Reflex auf die Ekeltheaterdebatte, die wir vor ein paar Jahren hatten. Im Kontext der Geschichte erzählt es wenig.

Angstbilder auf der Leinwand
Wirklich überzeugen kann nur eine Szene: Als der Trinker in eine Heilanstalt gebracht werden soll und unterwegs aus dem Auto flüchtet, ist von der äußeren Handlung auf der Bühne nichts zu sehen. Die Panik der Figur wird jedoch greifbar, weil Bilder auf eine Leinwand hinter den Schauspielern projiziert werden. Sebastian Hartmann hat Tilo Baumgärtel engagiert, einen jungen Maler von der Leipziger Schule, der schon in London und New York ausgestellt hat. In seinem Video erkennt man ein ängstliches Gesicht, das – weil von hinten Luft gegen die Leinwand geblasen wird – bald die ganze Bühne überwölbt. Das flatternde Tuch verschluckt die Darsteller.

Aber das ist nur ein Augenblick, dann wird die Inszenierung wieder zahm. Zweieinhalb Stunden ohne Pause und ohne wirklich packenden Zugriff auf die Geschichte sind wirklich keine Empfehlung für Sebastian Hartmann in Berlin.
Oliver Kranz, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2012/gorki_trinker.html

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