Hans Otto Theater Potsdam: Der nackte Wahnsinn mit J.-K. Koppe, A. Thelemann, Ph. Mauritz, F. Melzer und P. Pagel; Foto: © HL Böhme

Sa 04.02.2012

Bühne

Hans Otto Theater Potsdam: "Der nackte Wahnsinn"

Bewertung: gelungen

Theater auf dem Theater. Michael Frayn zeigt, wie ein kleines Ensemble in der englischen Provinz die Komödie Nackte Tatsachen einstudiert. Das Stück ist schlecht, die Proben waren kurz und so kann das Ganze nur im Fiasko enden. Und genau das ist der Spaß für den heutigen Zuschauer: Man weiß, dass es zur Katastrophe kommen wird, weiß aber nicht wie.

Klamauk mit Tiefsinn
Dabei geht es nicht nur um Klamauk. Das Stück kann als Parabel auf das Theater verstanden werden. Es zeigt den Wahnsinn des Bühnenbetriebs, den Aufwand, der betrieben wird, um für die Zuschauer eine möglichst perfekte Illusion zu schaffen. Und es zeigt, wie leicht diese Illusion zerplatzen kann – ein falsch hingelegtes Requisit genügt.

Auf das Leben übersetzt könnte man sagen: es geht darum, dass sich nichts planen lässt, die Trennlinie zwischen Chaos und Ordnung ist dünn. Man kann das Stück aber auch sprachphilosophisch sehen. Frayn ist ein großer Fan von Wittgenstein und hat viele Gags auf dem Unterschied zwischen dem was gesagt und dem was verstanden wird aufgebaut.

Der besondere Clou des Stücks ist, dass man die Bühne erst von vorn sieht, im zweiten Akt aber, als die Premiere von Nackte Tatsachen gezeigt wird, von hinten. Man kann also buchstäblich hinter die Kulissen blicken und erlebt zusätzlich zum ganz normalen Wahnsinn des Bühnenbetriebs noch etliche Beziehungsdramen, Neid und den Absturz eines Alkoholikers.

Landhaus mit Blümchentapete
Man blickt in ein englisches Landhaus mit Blümchentapete, einer Galerie, zu der eine Treppe hinauf führt, und acht Türen. Die Türen sind für das Stück Nackte Tatsachen besonders wichtig, weil die Dramaturgie darauf beruht, dass mehrere Leute im Haus sind, die nichts voneinander wissen. Sie verschwinden immer in irgendwelchen Zimmern, um dann mit großem Erstaunen aufeinanderzutreffen.

Der Bühnenraum in Potsdam wirkt auf den ersten Blick realistisch (Bühnenbild: Eva-Maria Declercq), ist aber einen Tick überdreht. Das Blümchenmuster der Tapete findet sich auf dem Sofa und auf der Schürze des Dienstmädchens wieder. Und ähnlich dezent geht Regisseur Andreas Rehschuh an die Figuren heran: sie werden nicht denunziert, aber mit komödiantischem Elan zugespitzt.

Ensemble ohne Schwachstellen
Elzemarieke de Vos zum Beispiel spielt Brooke, eine Blondine, die in Nackte Tatsachen über weite Strecken in Unterwäsche herumlaufen muss. Natürlich ist sie nicht wegen ihres Intellekts besetzt worden. Und genau das spielt Elzemarieke de Vos aus. Sie posiert wie ein Pin-up-Girl, klimpert mit den Wimpern und zieht die abenteuerlichsten Grimassen, als der Sexbombe eine Kontaktlinse verrutscht.

Peter Pagel, den die Berliner noch aus dem Deutschen Theater kennen, spielt den Regisseur, der anfangs ziemlich zynisch die Schauspieler zusammenstaucht, sich dann aber um Schadensbegrenzung bemüht, denn er will ja nicht, dass ihm die Darsteller vor der Premiere davonlaufen. Und so haben viele Figuren sehr verschiedene Seiten und liefern Spielfutter für die Potsdamer Akteure. Das Ensemble ist hochmotiviert. Da gibt es keine Schwachstellen.

Andreas Rehschuh ist eine komische und zugleich tiefsinnige Inszenierung gelungen. Sehenswert.
Oliver Kranz, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2012/hans_otto_theater.html

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