Fräulein von Scuderi; © Theater an der Parkaue

Mi 19.09.2012

Bühne

Theater an der Parkaue: "Fräulein von Scuderi"

E.T.A. Hoffmanns Erzählung in einer theatralisch eher altmodischen Fassung von Sascha Bunge

Bewertung: zwiespältig

Wenn es tatsächlich die Absicht gewesen sein sollte, hier ein besonderes Gewicht auf die Liebesgeschichte zu legen, so kommt dieses Motiv in der Inszenierung des Oberspielleiters und Vizeintendanten des Theaters an der Parkaue weit weniger zum tragen als in Hoffmanns Erzählung. Es ist ja auch viel naheliegender, dass Sascha Bunge hier natürlich diesen frühen Kriminalfall für die Bühne adaptieren will. Er ereignet sich 1680 in Paris. Dort werden immer wieder nachts Kavaliere auf der Straße überfallen und ermordet. Und: Sie werden beraubt, denn sie haben alle bei dem genialen Goldschmied Cardillac exzeptionelle Schmuckstücke anfertigen lassen.

Die alte Dame Magdaleine de Scuderi ist wegen ihrer eleganten Dichtungen geschätzt, sie geht bei Hofe ein und aus. Und da hat sie mit der eher flapsigen Bemerkung, Liebende, die sich vor Dieben fürchten, seien der Liebe nicht wert, dafür gesorgt, dass die Maßnahmen zur Aufklärung der Verbrechen zunächst leger gehandhabt werden. Sozusagen als Dank für ihre Unterstützung bekommt sie von interessierter Seite ein phänomenales Schmuckpräsent ins Haus geschickt. Und damit hat sie den Salat. Und sie wird selbst, wenn man so will, zur Kriminalistin.

Keine optimale Vorlage fürs Jugendtheater
Diese Meistererzählung aus E. T. A. Hoffmanns "Gesammelten Erzählungen und Mährchen" (sic!) Die Serapions-Brüder ist offenbar ein zeitloser Lesestoff für Schulklassen. Ich habe noch mein altes, damals weißes Reclamheftchen aus der Obertertia. Gestern waren viele am Schauspiel interessierte Schüler vom Kreuzberger Leibniz-Gymnasium in der Premiere, die schon den Probenprozess begleitet hatten. Der Stoff ist vielfach verfilmt worden, Ballett und Theater haben daraus Honig gesogen. Die bekannteste Adaptation ist Hindemiths Oper, die bezeichnenderweise die andere Hauptfigur der Handlung, den Goldschmied Cardillac, im Titel führt. Aber ich fürchte, es ist ein Missverständnis, dass diese Geschichte nun auch die optimale Vorlage fürs Jugendtheater sein sollte. Es ist ein Krimi, aber es ist kein Action-Thriller. Immer wieder wird breit berichtet und erzählt, wie was zusammenhängt und was passiert ist. Das ist nicht unbedingt theatergerecht.

Einerseits versucht Sascha Bunge, die Figuren etwas verrückter aussehen zu lassen. Sie tragen allesamt weiße Baiser-Frisuren. Ludwig XIV. ist ein auch kostümtechnisch problematischer Kasper, der nicht gerade im Hoffmann-Originalton verkündet, er sei "geil wie ein Hahn". Die Leutchen zuckeln immer mal wieder grotesk über die Bühne oder gerieren sich, als wollten sie zum Ballett. Die Aufführung ist mit Musik zugepackt – nicht nur mit Offenbach. Die Maintenon erscheint hier in einer Art Bourbonen-Dirndl ganz jugendfrei schon vorzeitig mehr als madammige Gemahlin, denn als royale Maitresse. Ja, und dann stehen die Figuren wieder ganz steif da und handeln ihren Text ab. Die Marquise will die Verfassung verschärfen und kennt offenbar schon die Marseillaise. Und Mademoiselle Scuderi redet und plädiert für Wahrheit und Menschlichkeit. Und immer mal wieder, und durchaus nicht nur im Parkett, läutet auch mal ein Telefon im Hause Scuderi.

Fräulein von Scuderi; © Theater an der Parkaue
Szenenfoto: Fräulein von Scuderi; © Theater an der Parkaue

Bieder und undämonisch
Es wird zweifellos mit starkem Einsatz gespielt. Aber irgendwie, auch wenn die Sache etwas schräg aufgepeppt ist, sieht sie sich theatralisch doch eher altmodisch an. Birgit Berthold gibt der emanzipierten Humanistin auch stimmlich Würde und Nachdruck. Und sie spricht mit einem leicht ironischen, interessanten Unterton. Aber gerade wenn die Regie die Psychologie der Figuren untersuchen wollte, ist es enttäuschend, dass die Figur des mörderischen Goldschmieds hier so bieder und undämonisch bleibt. Die Rolle des Ausnahmekünstlers, des übersteigerten Genies bleibt hier bestenfalls eine verbale Behauptung. Dabei ist "Cardillac" geradezu zum Synonym für den Künstler geworden, der sich von seinem eigenen Werk nicht trennen kann. Man spricht vom Cardillac-Syndrom. Ein Zuschauer gestern, ein Erwachsener hinter mir, sprach gegenüber seiner Begleiterin allerdings vom Scarlatti-Syndrom. Das ist wohl etwas ganz anderes …

Peter Hans Göpfert, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2012/theater_an_der_parkaue.html

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