Der kanadische Rock-Poet Leonard Cohen (Bild: dpa)

Do 06.09.2012

Bühne

Waldbühne Berlin: Leonard Cohen

Beeindruckend - über drei Stunden spielen der kanadische Gentleman und seine neun Musiker in dunklen Anzügen eine Mischung aus Klassikern und Liedern der neuen CD.

Bewertung: großartig

Leonard Cohen war bis 2010 auf langer Tournee - 247 Konzerte in 31 Ländern über drei Jahre, eigentlich nur, um seine Rente aufzubessern, doch da hat er neue Energie getankt und das merkt man ihm an: Im Anzug mit grauem Hemd und schwarzem Hut - ganz Gentleman sprintet und hüpft er auf die Bühne – wirkt dabei unglaublich frisch.

Zu den Zuschauern der ausverkauften Waldbühne sagt er, mit seinem Alter kokettierend: "Weil man nicht weiß, wann wir uns wieder sehen - geben wir heute Abend alles, was wir haben!" Eine Ansage, die er einlösen wird. In der Waldbühne: Picknick-Atmosphäre mit Tomaten, Käse, Wein - Menschen singen fröhlich mit oder schauen versunken: Cohens Lieder sind nicht einfach nur Popsongs, sondern für viele ganz persönliche Lebensbegleiter. Die will man feiern und sich von ihnen auch berühren lassen.

Leonard Cohen schafft das mit Ruhe, Konzentration und Aufmerksamkeit – für seine Lieder und auch für die Mitmusiker. Beim Singen hat er oft die Augen geschlossen, tanzt auf der Stelle, ungelenk, aber engagiert. Und wenn ein Musiker der Band ein Solo spielt, wendet er sich ihm zu, steht ergriffen da, den Hut mit einer Hand ans Herz gedrückt.

Seine Begleitband, neun hervorragende Musiker, auch in dunklen Anzügen, wirkt wie eine Showband pensionierter Mafiosi.

Sie würzen Cohens einfache, sparsame Lieder mit unterschiedlichsten Intrumenten-Farben: Harfe, Orgel, Klarinette und polieren die Songs auf: mit Irish Fiddle. – geben ihnen Mittelmeer- Feeling, bringen Jazz-Grooves aber rocken auch mit ihm. Leonard Cohen schöpft aus einem großen Repertoire, spielt eine Mischung aus Klassikern und vielen Liedern der neuen CD "Old Ideas".

Gala-Dinner und Hinterzimmer
Vor der Pause wirkt das Konzert wie ein Gala-Dinner - opulent und geschmackssicher, danach im zweiten Set konzentrierter, reduzierter – fokussiert auf ihn und seine Stimme. Da bekommt die Waldbühne trotz ihrer Größe eine besondere Atmosphäre: Man befindet sich sozusagen in einem Hinterzimmer mit einem Magier, der ein paar ganz persönliche Tricks zeigt. Leonard Cohens Lieder wehen über das Halbrund der Waldbühnen-Arena in den Berliner Nachthimmel, wie musikalisch verstärkte Gebete.

Doch Cohen agiert nicht wie ein Prediger, sondern wie jemand, der beiläufig ein paar Weisheiten wie Murmeln aus der Hand kullern lässt. Er ist ein Mann, der seinen Frieden gefunden hat – abgeklärt, nicht gebrochen. Sein Schmerz ist verebbt, aber das Feuer ist noch da.

Nach schlimmster Depression, Alkohol, Drogen, kommt Cohen er jetzt mit heiterer Melancholie! Egal, ob er über verlorene Liebe oder die Ungerechtigkeit der Welt singt: Der Abend ist durchzogen von Cohens aktueller Haltung: Demut und Freude. Seine Stimme lässt Samt und Reibeisen verschmelzen – komprimiert Einsicht, Nachdruck und Schmeichelei - in einem einzigen Lied. Man sieht sein Gesicht, tiefe Furchen vom Alter, er bewegt kaum die Lippen – aber dann dringt durch die Boxen dieses Volumen, dieser Bass-Bariton.


Bei den Hits wie I´m your Man oder Hallelujah flackern dann die Wunderkerzen - 60-jährige schwenken verzückt neonfarbene Leuchtstäbe. Dabei strömen die Menschen nach vorne, tanzen in den Gängen - andächtig, wie bei einem Kirchentag.

Leonard Cohen spielt ein Konzert von über drei Stunden - das schaffen viele Jüngere nicht. So hat er uns einen letzten Open – Air Sommer-Abend geschenkt: Die Waldbühne ist ein wunderbares Ambiente für ihn, am Ende hat sich der Himmel von blau über rot zu schwarz verfärbt. Wir wissen, jetzt kommt der Herbst.

Aber wenn Leonard Cohen singt: Going Home without my burden - Ohne meine Last heimgehen, so betrifft das an diesem Abend sicher auch viele Cohen- Fans. Solche Geschenke sind selten. 

Holger Zimmer, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2012/waldbuehne_berlin0.html

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