Fr 14.03.2014

Bühne

Neuköllner Oper / Universität der Künste: "Schwestern im Geiste"

Die "musikalische Zeitreise" von Thomas Zaufke und Peter Lund ist musikalisch streckenweise doch sehr konventionell

Bewertung: annehmbar

Wenn ich den Titel dieses kleinen Musicals lese, denke ich ein Fragezeichen mit: Schwestern im Geiste? Denn Peter Lund, der den Text geschrieben hat, stellt hier gewissermaßen zwei Stücke nebeneinander: Das eine spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, das andere in der Gegenwart. Das verbindende Hauptthema des Doppelstücks heißt "Emanzipation". Und es wird eine Gleichung der Probleme viktorianischer und heutiger Frauen versucht. Die Analogien hinken aber, deshalb mein Fragezeichen. Ich vermute nach diesem Abend, dass Lund ein begeisterter Leser der Romane der Brontë-Schwestern, Charlotte, Emily und Anne ist, vielleicht auch Bewunderer der zahlreichen Verfilmungen ihrer Bücher.

Nun sind die besonderen Bedingungen, unter denen die drei Brontës lebten und veröffentlichten, und auch die gedanklich und sprachlich über gesellschaftliche Normen hinausgehenden Frauenbilder in ihren Romanen literarhistorisch gar nicht zu unterschätzen. Nun allerdings Charlotte, Emily und Anne in einem Musical mit den diesjährigen (heutigen!, jungen!) Absolventen des entsprechenden Studiengangs der Universität der Künste auf die Bühne zu holen, mutet dann auf den ersten Blick doch reichlich altbacken an.

Zeitübergreifende Verschwesterung

Wir sehen also auf der linken Seite die Brontë-Pfarrerstöchter in Haworth in Yorkshire, die teilweise ihre Manuskripte voreinander verheimlichen, sich dann aber aus Jane Eyre und Sturmhöhe vorlesen, mit all ihren Skrupeln und fortschrittlichen Gedanken. Sie können alle drei nur unter männlichen Pseudonymen veröffentlichen, denn Frauen haben bekanntlich klassisch vernünftigere Aufgaben als die Schriftstellerei. Der eigene Bruder Branwell hat selbst dichterische Ambitionen, kann aber nicht mithalten. Er gibt sich dem Opium und dem Suff hin und stirbt konsequenterweise. Charlotte wehrt erst die Werbungen eines trockenen Pastors ab, gibt ihnen aber schließlich nach. Und bekanntlich hatten auch die Schwestern keine hohe Lebenserwartung.

Auf der rechten Seite nun sehen wir eine heutige Lehrerin. Sie heißt Lotte – analog zu Charlotte. In ihrem Literaturleistungskurs ist die Türkin Aydin die Klassenbeste, sie würde gerne mal Professorin in Istanbul werden, aber ihre Eltern wollen sie kurz vor dem Abitur mit einem von ihnen ausgesuchten Mann verheiraten, wobei Aydin nicht völlig mit den Familientraditionen quer liegt. Und dann ist da Milly, der die Literatur auf den Keks geht, und die kurzerhand die lesbische Lehrerin um die Prüfungsaufgaben erpressen will.

Man drückt gerne bei dieser zeitübergreifenden Verschwesterung die Augen zu. Schließlich sind wir im Musical, und da kann Milly sich am Ende zur Wahrheit durchringen und ohne Schummeln aus dem Kurs aussteigen, und der Zwangsbräutigam der Türkin hat wunderbarerweise gar nichts gegen das Abitur und sieht außerdem noch so süß wie Matt Damon aus. Das Entscheidende ist hier ja, dass Lund, als sein eigener Regisseur, den jungen singenden Darstellern reichlich Gelegenheit gibt, ihre stimmlichen und komödiantischen Talente auszustellen.

Singend und tanzend ins Getümmel

Thomas Zaufke hat die Geschichte musikalisch streckenweise doch sehr konventionell aufpolstert. Man hätte sich textlich und von der Musik bitte einen frecheren Ton und ironischere Akzente gewünscht. Manche Solonummern laufen eher überraschungslos. Dagegen hat Jacqueline Reinhold als Aydin hier, wenn sie singt, die modernste Lippe erwischt. Und Sabrina Reischl darf sich gesanglich als Dienstmädchen im Haushalt der Brontës auf ganz eigene Weise emanzipieren, auch stimmlich. Sehr komisch auch die phlegmatisch automatenhaften Auftritte von Denis Edelmann als klerikaler Heiratsaspirant.

Am besten wird es, wenn sich die Leute von links und rechts, von Damals und Heute, gesanglich nun wirklich verschwistern. Und wenn das ganze Ensemble sich singend und tanzend ins Getümmel der Meinungen von Skandal und Erfolg stürzt, hat der Abend einen richtigen Knaller. Der wurde zum Schluss natürlich noch einmal wiederholt.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2014/udk-neukoellner-oper-Schwestern-im-Geiste.html

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