ETB: Expat Expo mit Niyars "A Paper Tale"; Foto: © Udo Jansen

Di 02.06.2015

Bühne

English Theatre Berlin: "Expat Expo"

Zauberhaftes Puppentheater und konsequente Tanzperformance

Bewertung: gelungen

Das English Theatre in der Fidicinstraße in Kreuzberg feiert in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag. 1990 wurde es in einem Hinterhof-Atelier gegründet. Lange Zeit arbeiteten hier vor allem englischsprachige Theatermacher. Seit drei Jahren steht das Haus auch Künstlern aus anderen Ländern offen. Es trägt nun den Beinamen International Performing Arts Center. Die gemeinsame Arbeits- und Bühnensprache ist Englisch.

Am English Theatre wurde nun das Festival Expat Expo eröffnet, das zum dritten Mal stattfindet und einen Überblick über die Arbeit der vielen Theatermacher aus aller Welt geben will, die in Berlin leben.

Zwei Stücke wurden gezeigt: Niyar – a paper tale von der israelischen Puppenspielerin Maayan Iungman. Und die Tanzperformance I don't have a line der britisch-schweizerischen Gruppen so sick communications.

Stumme Stücke

Beide Stücke kamen ohne Sprache aus – vielleicht etwas überraschend im English theatre. Außerdem stand der Eröffnungsabend unter dem Motto "New Theater Groups"; es waren also Künstler, die noch nicht so lang in Berlin sind oder ihre Gruppen erst vor Kurzem gegründet haben.

In Niyar – A Paper Tale sitzt die Puppenspielerin Maayan Iungman an einem Schreibtisch, der überwuchert ist von Papier. Vor dem Tisch ist ein riesiger, weißer Berg aufgeschüttet aus zerknülltem Papier. Und Iungman selbst – eine junge, gut aussehende Frau – trägt ein schulterfreies Kleid, das auch aus Papier ist. Am Anfang fängt sie ein paarmal an etwas zu schreiben, wirft den Zettel entnervt weg. Wir sehen hier vielleicht eine Schriftstellerin in der Schreibkrise.

Charme von "Amélie"

Aber dann beginnt das Papier zu leben. Aus dem Haufen formen sich Blumen, Bäume, fliegende Pferde und andere Fabelwesen. Es entsteht eine sehr poetische Welt, die nichts mehr mit der frustrierten Künstlerin zu tun hat.

Viele Objekte – also zum Beispiel Blumen, die sich plötzlich aufrichten – sind an Schnüren befestigt. Die werden von einem Puppenspieler bedient, der hinter der Bühne steht. Maayan Iungman führt die zwei Figuren mit der Hand. Es sind zwei Fabelwesen, die sich schüchtern näherkommen und verlieben. Iungman macht das ganz präzise, mit großer Liebe zum Detail. Ihr Gesicht spiegelt jede kleinste Gefühlsregung wider.

Erzählt wird eine Liebesgeschichte zwischen zwei Fabelwesen. Das Ganze hat einen bisschen den Charme des französischen Films Amélie. Daran erinnert auch die Klaviermusik, die oft humorvoll, manchmal aber auch ein bisschen an der Kitschgrenze ist. Es ist ein ganz leichter, verträumter Abend, der vorbeifliegt wie ein Schmetterling; eine Feier der Fantasie – die ist ja oft eh schöner als die Realität.

ETB: Expat Expo mit "I Don't Have A Line"; Foto. CC-BY-3.0
I Don't Have a Line; © English Theatre Berlin

Tänzer unter Druck

Die Tanzperformance der Gruppe so sick communications behandelt ein ähnliches Thema. Aber bei I Don't Have a Line (Ich habe keine Grenze) geht es weniger um das Imaginative; sondern mehr um die Arbeitsbedingungen von Tänzern: den Druck, die Anweisungen von außen, die Bewertung der Zuschauer, der sie ausgesetzt sind.

Zwei Tänzerinnen stehen auf der Bühne. Dahinter ist eine Videoleinwand aufgestellt, auf der übergroß dieselben Tänzerinnen zu sehen sind. Die beiden konkurrieren ständig mit den Abbildern ihrer selbst. Aber das Ganze ist keine wütende Abrechnung. Sondern es hat eher was Meditatives. Ruby Wilson und Vasna Aguilar bewegen sich in weichen, fließenden Bewegungen, fast, als wären sie unter Wasser. Dazu gibt's ästhetische Video-Bilder in schwarz-weiß und einen großartigen elektronischen Sound von Emil Lewandowski. Das ist eine sehr ästhetische Selbstreflexion, die am Ende zur Emanzipation des Künstlers aufruft.

Schaufenster der Expat-Szene

Das Festival heißt Expat Expo - a Showcase of Wahlberliner und will also "ein Schaufenster der Expats" sein. Daniel Brunet, der Kurator des Festivals und einer der drei Leiter des English theatre, hat dazu insgesamt 19 Arbeiten ausgewählt. Ob die zwei Stücke des Eröffnungsabends nun repräsentativ für die internationale freie Szene in Berlin sind, ist schwer zu sagen. Typisch ist vielleicht, dass beide Stücke ohne Sprache auskommen. Viele Performer und Theatermacher, die international arbeiten, setzen aus praktischen Gründen nicht so stark auf Sprache. Das war im letzten Jahr zum Beispiel bei Foreign Affairs oder auch beim Festival Theaterformen in Braunschweig zu sehe.

Es ist erstaunlich, dass sowohl Maayan Iungman also auch die Gruppe so sick communications in Berlin noch recht unbekannt sind. Vielleicht hat man es als neu zugezogener Expat schwer wahrgenommen zu werden. Beide haben ihre ästhetischen Konzepte entwickelt und konsequent umgesetzt – zwei echte Entdeckungen.

Mounia Meiborg, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2015/English-Theatre-Berlin-Expat-Expo.html

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