Konzerthaus Berlin (Quelle: imago/Westend61)

Konzerthaus Berlin - Hommage an Yehudi Menuhin

Bewertung:

Dieses Konzert ist legendär: 1929 hat der erst 12-jährigeYehudi Menuhin in Berlin an einem Abend gleich drei Violinkonzerte gespielt: von Bach, Beethoven und Brahms. Jetzt hat man im Konzerthaus Berlin mit drei jungen Solisten dieses Konzert nachgestellt.

Was damals 1929 stattgefunden haben muss, ist wenigstens emotional heute nicht mehr rekonstruierbar. Die zeitgenössischen Kritiken heben hervor, mit welcher Reife Menuhin offensichtlich das zunächst eher skeptisch eingestellte Publikum begeistert haben muss. Man liest von "Wunder", "unglaubhaft" und "Sensation". Eine historische Sternstunde.

Auch wenn man nicht dabei war, kann man heute doch wenigstens nachvollziehen, welch unglaubliche Leistung das gewesen sein muss. Allein die zweieinhalb Stunden sind eine physische Anstrengung. Und natürlich ist der Druck auf den jungen Geigern von heute immens: Immer schwingt der Vergleich mit dem großen Yehudi im Hintergrund mit. Umso bemerkenswerter, dass alle drei auf ihre jeweils individuelle Weise überzeugen konnten.

Bach

Erst zwölf Jahre alt ist die amerikanische Geigerin Yesong Sophie Lee. Sie spielte das E-Dur-Violinkonzert von Johann Sebastian Bach, und man musste staunen, mit welcher Lockerheit sie auf der Bühne stand: ein wenig sympathisch draufgängerisch und gut gelaunt in den schnellen Sätzen, aber richtig hingehört hat man im langsamen Satz.

Für eine 12-Jährige ist eine solche Ernsthaftigkeit und Ausdrucksdichte erstaunlich. Das war so intensiv; so etwas kann man nicht antrainieren – wie in diesem düsteren Adagio dann plötzlich ein Sonnenstrahl durch die Wolken schimmert. Und fast ist man an Yehudi Menuhin erinnert, denn Yesong Sophie Lee nahm das Konzert sehr romantisierend mit viel Vibrato und einem intensivem Ton, wie man vor Jahrzehnten Bach gespielt hat. Auf jeden Fall aber: ein Riesentalent.

Beethoven

15 Jahre alt ist der Schwede Daniel Lozakovitj. Liest man im Programmheft, was er in seinem jungen Alter alles schon gemacht hat, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Mit Daniel Hope, Martin Fröst oder Shlomo Mintz hat er zusammengespielt, oder unter der Leitung von Leonard Slaktin und Valery Gergiev – alles promionente Namen! Und auch zum Geburtstag der schwedischen Kronprinzessin durfte er spielen, inklusive Fernsehübertragung.

Man spürt: Hier wird eine Karriere intensiv vorangetrieben. Und Daniel Lozakovitj hat das auch verdient. Ludwig van Beethovens Violinkonzert verlangt einen langen Atem. Und den hat er mit Sicherheit und Perfektion. Man spürt: Jeder Ton ist durchdacht und gearbeitet, alles aufs Feinste abgeschmeckt. Ebenso spürt man die Podiumserfahrung des jungen Geigers und sein Selbstbewusstsein. Auf jeden Fall die besten Grundlagen, den letzten Schritt zu gehen: sich eine eigene Interpretation zu erarbeiten.

Brahms

Bereits zwanzig ist der dänisch-amerikanische Geiger Stephen Waarts. Und erwartungsgemäß ist er interpretatorisch am weitesten, zudem ein ganz anderer Charakter: sehr introvertiert. Er hat das Violinkonzert von Johannes Brahms zutreffend verstanden als sinfonisches Konzert, in dem das Orchester ebenso wichtig ist wie der Solopart.

Stephen Waarts weiß genau, wo er auftrumpfen kann und wo er sich in den Gesamtklang einfügen muss. Selten hat man dieses Konzert einmal so konsequent verinnerlicht erlebt. Er ist ganz bei sich; sein Spiel ist ein Nachspüren, Überlegen, Abwägen, auch mal Zweifeln. Er ist ein Geiger, der das Zeug hat, interpretatorisch Maßstäbe zu setzen.

Das Orchester

Die Entscheidung, James Judd am Pult des Konzerthausorchesters mit der Begleitung dieser drei Konzerte zu betrauen, war goldrichtig. Er ist ein erfahrer, uneitler Dirigent, der es nicht nötig hat, sein Ego zu pflegen. Er weiß, dass seine wichtigste Aufgabe darin besteht, einen sicheren Boden für die jungen Solisten zu bereiten. Und das ist ihm gut gelungen.

James Judd hat behutsam begleitet, spürbar Kontakt gehalten zu den Solisten und deren Spiel mit dem Orchester in Einklang gebracht. Vielleicht klang das Orchester eine Spur zu pauschal und einheitlich, aber an diesem Abend war wirklich kein Platz für orchestrale Brillanz. Und insofern kann man im besten Sinne von einer sehr soliden Orchesterleistung sprechen. James Judd hat die jungen hochbegabten Talente glänzen lassen, und dafür kann man ihn nicht genug loben.

Andreas Göbel, kulturradio

Mehr Infos zum Thema