DT Berlin - Kammerspiele: "BUCH. BERLIN" mit Joerg Pose (als Ernst, Vater); © imago/DRAMA-Berlin.de
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Deutsches Theater | Kammerspiele - "BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida)"

Bewertung:

Der aufgeblasene Untertitel, den Fritz Kater, Armin Petras, seinem Stück beigegeben hat, kann einem durchaus spanisch vorkommen.

Er hat freundlicherweise darauf hingewiesen dass es sich bei den (CINCO) 5 ingredientes de la vida um fünf "mögliche Zutaten des Lebens" handelt. Wir müssen uns bei so viel Beliebigkeit also darauf gefasst machen, dass noch weitere Stücke folgen werden, die diesem Prinzip gehorchen. "Utopie", "Phantasie", "Instinkt", "Sorge" sowie "Liebe und Tod" (was ja nun eigentlich, wenn ich richtig zähle, schon wieder zwei Ingredientes wären) – das sind die Überschriften der einzelnen Szenen.

Denn was der inflationär als Autor produzierende Kater hier vorlegt, ist alles andere als ein geschlossenes Stück. Es ist sind verschiedene Stationen-Stückchen, die man einzeln betrachten kann oder, je nach Geschmack, lose aufeinander beziehen. Diese Stationen sind datiert, von 1966 bis 2013. Die Orte der Handlung liegen, etwas aus der Zeit gefallen, in der DDR, denn der Autor blickt sich über die autobiografische Schulter, dann aber auch in Afrika und heutzutage westlich, im Hunsrück.

Suff und Ernüchterung

Ich weiß nicht, wie man den Titel des Stücks, dessen Uraufführung der Autor an den Münchner Kammerspielen selbst inszenierte, dort verstanden hat. Jetzt steht zusätzlich und sehr deutlich der Ortsname "Berlin" hinter dem metaphorischen "Buch". Buch – das meint also nicht nur das große Geschichts- und Geschichtenbuch. Berlin-Buch – das ist eine unmissverständlich lokale Ansage.

Und die vier Kinder, die da 1974 auf einem S-Bahnhof Grips-Theater-haft frierend, auf ihre Mutter warten, die vermutlich in den Westen "rübergemacht" hat, wollen vermutlich ihren kranken Vater in Pankow-Buch besuchen. Bei "Buch" denken wir an den Klinik-Standort, historisch genauer an Heilanstalten und Stasi-Regierungskrankenhaus. Papa ist Alkoholiker und vermutlich einer der Wissenschaftler, die in der ersten Szene, 1966, in dieser Inszenierung nur akustisch von tausend Utopien und Weltraumeroberungen schwadroniert haben. Wir lernen: soviel Zukunftsbesoffenheit mündet in realen Suff und Ernüchterung.

Ehedrama und Artenschutzkitsch

Der stilistische Ansatz dieser Szenen ist grundverschieden. Da gibt es das Drama einer Ehe, die daran zu zerbrechen droht, dass der Mann selbstverliebt im internationalen Kunstbetrieb herumdüst, während die Frau sich verzweifelt mit ihrem todkranken Kind allein gelassen fühlt.

Und da ist ein Drama, in dem die Darsteller allen Ernstes, wuchtig auf der Bühne herumtrampelnd, aus der Perspektive von Elefanten in Tansania um ihre Existenz fürchten und von einem anderen Land träumen, dem "stillen Land" jenseits der Grenze. Artenschutzkitsch und politische Reminiszenz in einem. Dazu auch noch der Abtreibungskonflikt eines Liebespaares, ja oder nein?

Zu lang und verquollen

Es stellt sich heraus, die zeitliche Fixierung der einzelnen Szenen liegt ebenso im Ungefähr wie die Ingredienzen, die Kater als wichtig bezeichnet. Man kann nicht sagen, dass Tilmann Köhler sich nichts hat einfallen lassen, um diese Szenenfolge über die Runden zu bringen. Er braucht immer noch knappe drei Stunden – bei Petras selbst hat das in München viel länger gedauert, und das mit sehr viel Umräumen und Publikumsbewegung.

Die sechs Darsteller, vier Männer, zwei Frauen, verausgaben sich verbal und körperlich beträchtlich. Sie langen auch schon mal kräftig rockig in die E-Gitarre. Sie haben ihren Musikzuschlag verdient. Nur ist das alles viel zu lang und verquollen in die Textmaschine getippt. Manchmal ungeheuer angestrengt expressionistisch, dann wieder ungebremst banal.

Petras-Kater übernimmt sich auffallend mit seiner dramatischen Produktion und seinen Auswärtsinszenierungen. Das bekommt der Schauspielintendant in Stuttgart schon zu spüren. Die Dramaturgie am Deutschen Theater hätte jetzt getrost zu einem der Bleistifte greifen sollen, die man im Foyer als Souvenir erwerben kann, um den Textschwall einzudämmen.

Gerade und selbst in der Schumannstraße, wo man mit Premieren-Beifall sonst überhaupt keine Probleme hat, war der Applaus diesmal ernüchternd.

Peter-Hans Göpfert, kulturradio

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