Berliner Barock Solisten @Orlovsky
Bild: @ Orlovsky

Philharmonie Berlin - Berliner Barock Solisten und Alban Gerhardt

Bewertung:

Ein Abend mit Höhen und Tiefen: Eine Hälfte hat es gebraucht, bis die Berliner Barock Solisten und Alban Gerhardt zueinander und zu sich selbst gekommen sind und gezeigt haben, wie spannend barocke Konzerte des frühen 18. Jahrhunderts sein können.

Barockmusik im Großen Saal der Berliner Philharmonie ist immer etwas problematisch. Nicht nur weil diesmal der Saal nur knapp zur Hälfte gefüllt war – das ist bei den Berliner Barock Solisten oft ganz anders. War das Thema mit italienischen Barockkonzerten nicht prickelnd genug? Überhaupt wirkten die vierzehn Musikerinnen und Musiker auf der großen Bühne etwas verloren; vor allem akustisch kam zunächst wenig über die Rampe. Da wäre der benachbarte Kammermusiksaal der geeignetere Raum gewesen.

Der Cellist Alban Gerhardt im kulturradio-Studio; Foto: © Carsten Kampf
Alban Gerhardt ©Carsten Kampf | Bild: Carsten Kampf

Zuckerwatte und Nähmaschinenmusik

Nun sind die Berliner Barock Solisten kein Ensemble im Geist etwa der Akademie für Alte Musik Berlin oder des Freiburger Barockorchesters, die deutlich rauer und kantiger mit Alter Musik umgehen. Hier treffen Mitglieder der Berliner Philharmoniker auf Alte Musik-Spezialisten. Das Klangideal wirkt deutlich weicher.

Das kann eine Gefahr sein, wenn man nicht aufpasst. Im gesamten ersten Teil klang es freundlich und angenehm, schön und edel, aber doch ein wenig zu gleichförmig und glatt, zu sehr nach Zuckerwatte. Das Formelhafte von Barockmusik trat hier zu sehr nach vorne und schien das Vorurteil von Nähmaschinenmusik zu bestätigen.

Geschärfte Klingen

Nach der Pause präsentierte sich das Ensemble wie ausgewechselt. Lag das an den teilweise stärkeren Stücken? Zwei Folia-Variationenwerke sorgten für höchste Virtuosität, und da fühlten sich offenkundig alle herausgefordert. Raimar Orlosvky, Geiger bei den Berliner Philharmonikern, der sehr launig den Abend moderierte, bat die Basso continuo-Gruppe, das Modell einfach alleine vorzuführen – überzeugende Vermittlungsarbeit.

Auf jeden Fall schienen alle aufgewacht zu sein. Es klang viel intensiver und schärfer. Jeder, der auch nur eine kleine Solostelle hatte, präsentierte sie blankgeputzt mit geschärfter Klinge bzw. Bogen. Das war das Niveau, das man von den Berliner Barock Solisten gewohnt ist.

Romantische Barockmusik

Solist des Abends war der Cellist Alban Gerhardt. Der ist kein Barockspezialist und legte auch zunächst los, als wenn er die großen spätromantischen Solokonzerte von Dvořák oder Elgar zu spielen hätte: ein unglaubliches Vibrato, dazu Freiheiten, die mit Barockmusik wenig zu tun hatten. Dabei war er hervorragend vorbereitet, spielte alles ohne Noten und ließ sich durchaus auf die Herausforderung ein. Vielleicht war er etwas übermotiviert?

Die Idee, Vivaldis "Frühlings"-Concerto, im Original ein Violinkonzert, auf dem Cello zu spielen, erwies sich schließlich als wenig überzeugend; der Solopart war immer abwechselnd zu hoch oder zu tief, zu heiser oder zu brummig. Das war eher kurios als gelungen.

Das richtige Maß

Auch Alban Gerhardt zeigte nach der Pause ganz andere Facetten. Da musste er sich in einem Vivaldi-Konzert für zwei Geigen und zwei Celli als kleine Sologruppe wirklich einfügen und mit den Geigern Raimar Orlovsky, Daniel Gaede, der das Ensemble sehr unaufgeregt und souverän leitete, sowie mit der anderen Cellistin, der wunderbaren Alte Musik-Spezialistin Kristin von der Goltz arrangieren. Das gelang, und von da an hatte er das richtige Maß und das Gespür, was "Solo" in der Barockmusik bedeutet.

Beim anschließenden melancholischen h-Moll-Cellokonzert von Antonio Vivaldi zeigte er mehr Leichtigkeit, aber gleichzeitig bzw. dadurch ungleich mehr Innerlichkeit. Da berührte sein Spiel, schien richtig etwas zu erzählen. Ein Abend mit Höhen und Tiefen, der vor Ohren führte, wie schwer Barockkonzerte zu gestalten sind – und im zweiten Teil, wie viel Spaß es bereitet, wenn man sich richtig darauf einlässt.

Andreas Göbel, kulturradio

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