Ulrike Folkerts und Joachim Bliese ©Bo Lahola
Bild: ©Bo Lahola

Theater am Kurfürstendamm - "Chuzpe - You Gotta Have Balls"

Dies ist ein hübsches Märchen aus New York. Eine Variante der Geschichte, dass in Amerika jeder seines Glückes Schmied ist und Karriere machen kann. Nur mit dem kleinen sympathischen Unterschied, dass der Mann, der sich hier einen Traum erfüllt und Erfolg hat, immerhin 87 Jahre jung ist.

Wir dürfen in diesem Edek, der in verschiedenen Romanen von Lily Brett erscheint, getrost das literarische Widerbild ihres eigenen Vaters sehen. In Bretts Roman und der jetzigen Bühnenfassung zieht der jüdische Edek aus Australien zu seiner Tochter Ruth nach New York. Die ist Geschäftsfrau, spezialisiert auf Glückwunsch-und Kondolenz-Schreiben, mitunter auch für den Trauerfall dahingeschiedener Haustiere. An einer Stelle lässt Evelyn Waugh ziemlich dick grüßen. Dad Edek denkt aber ganz und gar nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Er will sich nützlich machen. Erst einmal lässt er alles Mögliche, was ihm eine Mezie, ein Schnäppchen, scheint, ins Büro seiner Tochter liefern: massenhaft Druckerpapier und Klopapierrollen.

"Chuzpe" ©Bo Lahola
"Chuzpe" ©Bo Lahola | Bild: ©Bo Lahola

Die Chuzpe des 87-Jährigen ist liebenswert

Zum Entsetzen der Tochter lädt Edek zwei jüngere polnische Witwen nach New York ein, Zofia und Walentyna. Er bezieht mit beiden gemeinsam eine Wohnung. Und, was Tochter Ruth aus der Fassung bringt, Zofia und Edek berichten freimütig über ihren gemeinsamen Sex, den sie als "sehr gut" bezeichnen. Aber auch geschäftlich funkt es zwischen dem rüstigen Senior und den beiden Polinnen. Sie planen ein kleines Restaurant in der Lower Eastside. Spezialität: polnische Klopse – Klopsiki.

Ruth ist natürlich erst einmal entsetzt, aber schließlich kann sie sich dem Charme und der Beharrlichkeit ihres Vaters nicht widersetzen. Und wie jeder im Publikum, anders als die Tochter, erwartet: das Lokal wird ein Hype. Die speziellen Frikadellen, Buletten, Fleischpflanzerl von Zofia sind ein Knaller. Das aus dem hebräischen stammende "Chuzpe" hat ja etwas von Unverschämtheit und Dreistigkeit. Klassisches Beispiel ist der Sohn, der seine beiden Eltern tot schlägt und um mildernde Umstände bittet, weil er ja nun Vollwaise sei. Das Wort meint ursprünglich nichts Positives. Aber die Chuzpe dieses 87jährigen ist durch und durch liebenswert.

Ulrike Folkerts und Joachim Bliese ©Bo Lahola
Ulrike Folkerts und Joachim Bliese ©Bo Lahola

Lily Bretts Emigrationsgeschichte als Hintergrund

Lily Brett kam 1946 in einem Lager für "Displaced Persons" in Bayern zur Welt. Ihre Eltern waren Auschwitz-Überlebende. Die Familie emigrierte, wie Edek, nach Australien. Diese persönliche Erfahrung ist durchaus in Bretts Roman enthalten. In manchen bitteren Bemerkungen Edeks klingt sie noch an, und seine Tochter kann bis auf den heutigen Tag kein rotes Fleisch essen. Ohnehin bestehen ihre Mahlzeiten vorzugsweise aus Gemüse. Die Klopsiki sind für sie mehr als eine kulinarische Herausforderung.

Die Bühnenfassung drückt dieses Motiv vielleicht ein bisschen zu stark an den Rand. Ich dachte gestern Abend gelegentlich an Neil Simons ebenfalls lustige, aber doch bewegendere jüdische Emigratenfamilie in Brooklyn, die wir ebenfalls am Kurfürstendamm vor Jahren gesehen haben.

Chuzpe ©Bo Lahola
"Chuzpe" ©Bo Lahola | Bild: ©Bo Lahola

Ein Glück, Joachim Bliese wieder auf einer Bühne zu sehen

Verschiedene Darstellerinnen von Tatortkommissarinnen oder etwa der Tierärztin Doktor Mertens waren schon Zugpferde am Boulevard. Diesmal also Lena Odenthal - Ulrike Folkerts. Sie gibt eine taffe, zugleich aber sensible und bemerkenswert prüde Ruth im dunklen Geschäftskostüm. Sie führt als Erzählerin durch die Geschichte und telefoniert und skypet auch reichlich mit ihrem Mann, der gerade in Australien zu tun hat.

Man kennt manche energische Geste und die Mimik vom Fernsehen. Aber eine andere Rolle steht im Mittelpunkt und Vordergrund dieser Geschichte. Und ich möchte sagen, es ist ein großes Glück, endlich einmal wieder Joachim Bliese auf einer Berliner Bühne zu sehen. Ihm fliegen die meisten Pointen dieses Stückchens zu. Und er ergreift sie mit wunderbarer Wärme und Herzlichkeit. Bliese ist ein großartiger Sprecher. Aber wie er hier seine Blicke zu setzen weiß, flehend, geduldig, kritisch, genießerisch –  das ist außerordentlich. Und zugleich weiß dieser lebenslustige alte Mann von der Vergänglichkeit. Für Joachim Bliese lohnt sich der ganze Abend.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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