Ligia Lewis: "minor matter"; © Martha Glenn
Bild: © Martha Glenn

Hebbel am Ufer - Ligia Lewis: "minor matter" | Isabelle Schad: "pieces and elements"

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Wie entstehen und funktionieren Gemeinschaften? Was bringt Menschen zueinander, was bindet sie aneinander und wie werden andere aus diesen Gemeinschaften ausgeschlossen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die beiden Berliner Choreografinnen Isabelle Schad und Ligia Lewis in ihren neuen Stücken.

Isabelle Schad lässt in "pieces and elements" die 12 Tänzerinnen und Tänzer in einer großen Gemeinschaft aufgehen, die individuellen Unterschiede lösen sich auf. Ligia Lewis hingegen betont in "minor matter" die Differenz der drei Performer. Sie entwirft eine Gemeinschaft, die durch Druck von außen entsteht und bewahrt die Vielfalt der Individualität, auch wenn dies die Gruppe zu sprengen droht. Also zwei völlig verschiedene Perspektiven auf das Thema der Gemeinschaft.

Isabelle Schad: "pieces and elements"; © Isabelle Schad
Isabelle Schad: "pieces and elements"; © Isabelle Schad | Bild: © Isabelle Schad

Isabelle Schad: "pieces and elements"

Isabelle Schad gestaltet ihre Gemeinschaft über eine hermetisch geschlossene Gesamt-Ästhetik und über Kleidung und Bewegung. Alle 12 Tänzerinnen und Tänzer tragen schwarze Hosen und T-Shirts – zunächst leuchten nur die Unterarme grellweiß in dem ebenfalls völlig schwarz gehaltenen Bühnenraum, später auch die entblößten Unterschenkel und dann sind alle gleichermaßen völlig nackt. Und alle führen dieselben Bewegungen aus. Sie stehen mit dem Rücken zum Publikum, rollen und schwingen die Arme in den Schultergelenken oder wiegen die Oberkörper in den Hüften.

Das sind monotone Bewegungsabfolgen mit nur minimalen Unterschieden in der Ausführung, je nach körperlichen Gegebenheiten - eine Einheitlichkeit, die sich fortgesetzt beim Wälzen über den Boden, beim Zusammenballen zu Körperknäueln, beim Auf- und Ineinander-Liegen.

Auch, weil erst beim Schlussapplaus die Gesichter der Tänzer zu sehen sind, verschwindet jede Individualität, lösen sich die Körper wie in Landschaften auf, individuelle Merkmale, Bewegungsqualitäten, Geschlechtszugehörigkeit – alles ist aufgehoben, der Körper ist Material. Und einmal mehr wird Isabelle Schads Nähe zur Bildenden Kunst deutlich: Körper und Gruppen wirken bildhaft und skulptural zugleich.

Isabelle Schad: "pieces and elements"; © Isabelle Schad
Isabelle Schad: "pieces and elements"; © Isabelle Schad

Kein Zwangscharakter, meditative Sogwirkung

Die Monotonie in der Reduktion der Bewegungsabfolgen wirkt durchaus etwas manisch, hat jedoch keinen Zwangscharakter, sondern eine meditative Sogwirkung. Die Aufmerksamkeit wird auf Detailverschiebungen einzelner Körperteile gelenkt und auf die Prozesshaftigkeit der Gruppen-Bildungen.

Isabelle Schad ist eine hervorragend präzise gearbeitete Choreografie gelungen. Wie Impulse von einem zum anderen wandern, wie sich energetische Zustände übertragen, wie Raum-Gewichtungen entstehen, wie die Körper plastisch werden und zu einem Organismus verschmelzen, wie sich Stockungen und Stauungen ausbreiten und auflösen, wie das Gesamtgewebe erblüht und vergeht – das ist ausgezeichnet durchdacht und in Szene gesetzt.

Ligia Lewis: "minor matter"

Ligia Lewis hingegen hat eine völlig andere Perspektive zum Thema der Gemeinschaftsbildung gewählt. Sie arbeitet v.a. mit Spiegelungsprozessen: Die drei Performer scheinen sich vor imaginären Spiegeln jeder für sich selbst zu reflektieren, sie bewahren ihre jeweiligen Differenzen im widerspiegelnden Absetzen von den anderen und als Grundthema der Performance, das nicht direkt in Szene gesetzt wird, aber wie als Grundbass immer vorhanden ist, spiegeln sie sich in der weißen Mehrheitsgesellschaft, sie sind dunkelhäutige Tänzer.

Diese Gemeinschaft ist in Abgrenzung entstanden, ob gewollt oder nicht, und der Druck von außen, der eine vermeintlich homogene Gruppe konstruiert, entspricht dem Druck aus dem Inneren, denn jeder will selbstverständlich als einzigartiges Individuum wahrgenommen, gesehen und anerkannt werden.

Das sind die starken, weitreichenden politischen Aspekte dieser Choreografie. Hier kommen Rassismus, Ausgrenzung, äußere und innere Kollektivzwänge, Mechanismen von Gemeinschafts-Konstruktion ins Spiel, hier weitet sich der Assoziationsraum – das reicht in die Flüchtlingsthematik, die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA und wenn man so will bis hin zu Donald Trump und seiner Ablehnung von Liberalität, Vielfalt und Differenz.

Ligia Lewis: "minor matter"; © Martha Glenn
Ligia Lewis: "minor matter"; © Martha Glenn | Bild: © Martha Glenn

Spielerisch, sinnlich, freudvoll in episodischer Choreografie

All dies setzt Ligia Lewis außerordentlich spielerisch, freudvoll und vergnüglich in Szene.  Zur Musik von Henry Purcell, Claudio Monteverdi oder Club-House-Music, zu einem grandios verfremdeten "Bolero" von Maurice Ravel, von dem nur noch der getrommelte Grundrhythmus übrig ist, tanzen Ligia Lewis und ihre beiden hervorragenden Partner in einer episodischen Choreografie mit Ausflügen in höfischen Tanz, Posen des modernen Tanzes des 20. Jahrhunderts etwa aus Maurice Bejarts berühmter "Bolero"-Choreografie, bis hin zu ganz alltäglichen oder Club-Tanz-Bewegungen.

Die lange Bolero-Passage löst beim Betrachten einen Ansturm von Glückshormonen aus – so frei, gelöst und unbeschwert bewegen sich die drei. Wobei Ligia Lewis die Ausstrahlung einer jungen "Jackie Brown" hat, der Filmfigur von Quentin Tarantino, nachdem sie alle Hindernisse beseitigt, alle Schwierigkeiten überwunden und alle Widersacher und Widerstände überwunden hat: selbstbewusst, selbstbestimmt und triumphierend.

Die großen Themen wie Rassismus, Ausgrenzung, Gefährdung, Zwang zu Selbstdefinition und Selbstbehauptung, Lust, Liebe, Erotik, Tod sind immer anwesend, ohne konkret gezeigt zu werden. Ligia Lewis lädt zu einem emotionalen Erleben und intuitivem Verstehen ein. So etwa auch beim Austesten der Belastbarkeitsgrenzen des Einzelnen und der Gemeinschaft: Wenn einer die anderen beiden zu heben, zu tragen, zu halten versucht – so lange, bis er zusammenbricht.

Eine wunderbare, kluge und charmante Choreografie, die das Thema Gemeinschaft aus der Perspektive der Rechte von Minderheiten betrachtet, auf den perfekt gesetzten Punkt bringt.

Frank Schmid, kulturradio

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