Der Dirigent René Jacobs im Haus des Rundfunks; Foto: Carsten Kampf

Philharmonie Berlin - RIAS Kammerchor und Freiburger Barockorchester unter René Jacobs

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Traumbesetzung im Kammermusiksaal der Philharmonie: René Jacobs dirigiert den RIAS Kammerchor und das Freiburger Barockorchester. Muss man noch mehr sagen? Ein Abend, der keine Wünsche offengelassen hat.

Für einen Moment stutzt man: 1. Advent – und dann das Mozart-Requiem? Nebenan in der Großen Philharmonie gibt es schon Bachs Weihnachtsoratorium. Das erklärt sich aber schnell: Der Abend ist Teil einer größeren Tournee – bereits in den vergangenen Tagen war man mit diesem Programm unterwegs.

Gestört hat das ohnehin niemanden: Selten platzt der Kammermusiksaal der Philharmonie so sehr aus allen Nähten. Man musste sogar zusätzliche Stühle aufstellen und scharenweise Besucher ohne Karte wegschicken. Verständlicherweise. Denn in dieser Besetzung würde man sich das Mozart-Requiem auch am 25. Dezember anhören.

Ohne romantisches Pathos

Mozarts Requiem-Fragment hat einiges über sich ergehen lassen müssen. "Amadeus" als Theaterstück und Film hat die Geschichte vom Komponisten erzählt, der sich sein eigenes Requiem schreibt. Dabei ist die Sache viel nüchterner: Das ganze war ein Auftragswerk, und dass Mozart über der Arbeit gestorben ist, hat mit dem Stück selbst nichts zu tun.

René Jacobs hat das ganze überflüssige romantische Pathos einfach weggelassen: hart, fast brutal schneidend im Klang, und wo sonst der Kitsch trieft, war es hier fast karg. Gespielt wurde die traditionelle Süßmayr-Vervollständigung, über die ein junger französischer Komponist noch einmal in Sachen Instrumentierung redigierend drübergegangen ist. Nach einer Dreiviertelstunde war man sprachlos und begeistert, wie beeindruckend dieses Werk wirkt, wenn es so schlicht und einfach als Totenmesse in Grautönen dargeboten wird.

Dieser Chor kann einfach alles

Beide Werke des Abends – Mozarts Requiem und Haydns sogenannte "Harmonie-Messe" sind echte Chorstücke, und der RIAS Kammerchor konnte hier seine ganze Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Auf der Bühne waren vielleicht gerade einmal etwa 30 Sängerinnen und Sänger – und doch wirkte es bei den Höhepunkten wie 200. Aber das ist nur eine Facette, denn der Chor kann alles darstellen.

In seiner letzten Messe hat Joseph Haydn ganz auf Emotion gesetzt, und der RIAS Kammerchor hat von einschmeichelnd über flehentliche Bitten bis hin zu marzialischem Jubel alles überzeugend vermittelt. Da ist René Jacobs auch genau der richtige Dirigent. Er geht gerne vom Musiktheater aus, und auch wenn die Werke keine eigentliche Handlung haben, wird doch viel erzählt, und das bewältigte der RIAS Kammerchor in Vollendung.

Historisch informiert und lebendig gespielt

Das Freiburger Barockorchester gehört zu den Ensembles, die selbstverständlich historisch informiert agieren, aber weit mehr zu bieten haben als kompetente Umsetzung des Notentextes. Von Begleitung allein konnte hier gar nicht die Rede sein – die Musikerinnen und Musiker waren in jeder Sekunde präsent.

Historisch informiert heißt hier aber nicht rau oder kratzbürstig wie bei vielen anderen Alte Musik-Ensembles. Dieses Ensemble hat beeindruckend viele Klangfarben: Zupackende, aber auch melodiöse Facetten, eine Wärme, die sich sofort überträgt. Permanent wird man als Zuhörer in seinen Empfindungen gekitzelt. Und alles so lebendig – da improvisiert der Organist auch mal zwischen den Messe-Teilen, damit alle eine kleine Verschnaufpause bekommen.

Pure Euphorie

Das Solistenquartett aus Sophie Karthäuser, Marie-Claude Chappuis, Maximilian Schmitt und Johannes Weisser hätte nicht besser ausgesucht sein können. Alle vier haben es verstanden, in der Gruppe die Räume enger zu machen – und dann natürlich jedem kleinsten Solo eine eigene Pointe zu verleihen.

Da gab es die Grabesstimme des Basses im Mozart-Requiem oder den nicht enden wollenden Jubel von Sopran und Alt bei Haydn. Das alles war nicht gespielt, sondern vermittelte sich als pure Euphorie.

Die Erwartungen waren an diesem Abend besonders hoch – und sie sind sogar noch übertroffen worden. Was will man mehr.

Andreas Göbel, kulturradio

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