Sasha Waltz: Körper ©Bernd Uhlig
Bild: ©Bernd Uhlig

Sasha Waltz Wiederaufnahmen - "Körper", "Sacre" und "Allee der Kosmonauten"

Die große Aufregung über die Berufung von Sasha Waltz zur Co-Intendantin des Berliner Staatsballetts ab 2019 ist vorbei, wenngleich vielleicht auch nur vorübergehend. Immerhin ist es nun möglich, in aller Ruhe darauf zu schauen, wie sich Sasha Waltz zur Zeit in Berlin präsentiert, nämlich mit gleich drei Wiederaufnahmen älterer Stücke, mit ihren Choreographien "Sacre", "Körper" und "Allee der Kosmonauten".

Gestern war im Haus der Berliner Festspiele die Premiere der Wiederaufnahme von "Körper" zu erleben, jener Choreographie, mit der im Jahr 2000 die neue Schaubühne unter neuer Leitung eröffnet wurde. Dank der Bildschöpfungen ist "Körper" auch heute noch immer faszinierend. Es sind ja auch einige ikonographische Szenen dabei: die halbnackten Leiber zusammengepresst hinter einer Glasscheibe oder wie Fleischhaufen in Linien aufgereiht oder aufeinander gestapelt, die Zentauren-Wesen aus verkehrt ineinander gesteckten Körpern, die Tänzer zerstreut auf der kahlen weiten Bühnenfläche um die hohe schwarze Wand herum – Fotografien dieser Szenen schmücken heute jeden Sasha-Waltz-Bildband.

Sasha Waltz: Körper ©Bernd Uhlig
"Körper" ©Bernd Uhlig | Bild: ©Bernd Uhlig

Surrealistische und mythologische Impressionen

Allerdings wirkt das Gewebe der Bilderfolgen auch heute nicht reißfest, hängt der Spannungsbogen mitunter schlaff durch und in einigen grundlegenden Ideen ist der zeitgenössische Tanz heute weiter, etwa bei den Szenen zu Körper-Fragmentierung, -Gestaltung und -Vermarktung, diese wirkten schon bei der Uraufführung damals etwas zu plakativ.

Im Haus der Berliner Festspiele kann die wunderbare Kathedralen-Anmutung des Schaubühnensaals natürlich nicht entstehen, aber die surrealistischen und mythologischen Impressionen, die zersplitternden Duo-Trio-Quartett-Tänze, die geometrischen Bahnen und Adern – all das ist noch immer packend. Das Publikum hat auf die Wiederaufnahme fast begeistert reagiert, auch wenn vielleicht nicht alle die Radikalität des damaligen Bruches mit der vorherigen Waltz-Ästhetik des kuriosen Scheiterns, des absurd-erzählerischen Tanztheaters nachvollziehen können. "Körper" war damals, trotz der Vorstudie 1999 mit der "Dialog"-Aufführung im noch leeren Jüdischen Museum, ein so nicht erwartbarer Aufbruch in einen neuen Werkzyklus.

Sasha Waltz: Sacre ©Bernd Uhlig
"Sacre" ©Bernd Uhlig

Sasha-Waltz-Festival auch mit "Sacre" und "Allee der Kosmonauten"

Neben "Körper" zeigt Sasha Waltz in diesen Wochen auch die Wiederaufnahmen von "Sacre" und "Allee der Kosmonauten", hält sich damit also am Markt und bleibt in der Öffentlichkeit präsent. Der Dreiteiler "Sacre", mit ihrer Compagnie 2013 in Brüssel uraufgeführt, besticht v.a. durch ihre Deutung des Frühlingsopfers als ekstatisch-tumultartigem Reigen in einer düsteren Geröllschutt-Welt, als schlichte Notwendigkeit im Werden und Vergehen der Natur, als Verbindung von Eros und Thanatos - der Opfertanz wirkt wie eine Entladung und Erlösung.

Allerdings überzeugt bei diesem Dreiteiler nur der "Sacre"-Teil wirklich - der "Nachmittag eines Fauns" ist nur eine kurze Impression, und der Auszug aus "Romeo et Juliet“ ist zwar ein bezauberndes Paar-Seufzerstück, aber doch recht konventionell.

Der eigentliche Höhepunkt der gegenwärtigen Sasha-Waltz-Wochen ist die Wiederaufnahme von "Allee der Kosmonauten" in Originalbesetzung Mitte Dezember in den Sophiensaelen. Die Bedeutung dieses Stückes ist enorm. Ohne die Uraufführung zur Eröffnung der Sophiensaele 1996 ist der Werdegang von Sasha Waltz nicht vorstellbar, die Berufung damals an die Schaubühne und heute an das Staatsballett und auch die Entwicklung der Sophiensaele zur heute wichtigsten Spielstätte der Freien Szene wäre nicht denkbar. Man darf sehr gespannt sein, wie dieses absurd-komische Stück, dieser bizarre Familienbilder-Reigen zwischen Sofa, Schrank und akrobatisch eingesetztem Holzbrett, zwischen Hektik, Langeweile und Apathie heute wirkt.

Ausverkaufte Vorstellungen und Wiederaufnahme-Problem

Das Berliner Publikum ist an dieser Wiederaufnahme-Ballung äußerst interessiert, die Vorstellungen von "Sacre" in der Staatsoper im Schiller Theater, "Körper" im Haus der Berliner Festspiele und "Allee der Kosmonauten" in den Sophiensaelen sind ausverkauft, die Hoffnung auf Restkarten eher gering.

Aber: so läuft das in Berlin schon seit Jahren. Sasha Waltz ist nur mit Wiederaufnahmen präsent. Neben ihrem "Tannhäuser" an der Staatsoper oder den Berlin-Premieren wie "Romeo et Juliet" gab es keine Uraufführungen neuer Produktionen, und das ist zu wenig und ein Problem. Zum einen ist dank ihrer im Vergleich zur übrigen Freien Szene jetzt üppigen Förderung mehr zu erwarten, zum anderen kann ihr derzeitiges kreatives Potenzial nicht realistisch eingeschätzt werden, und das ist ja auch ein Streitpunkt-Punkt in der Debatte um das Staatsballett.

Sasha Waltz: Allee der Kosmonauten ©Sebastian Bolesch
"Allee der Kosmonauten" ©Sebastian Bolesch | Bild: ©Sebastian Bolesch

Der aktuelle Stand der Diskussionen um das Staatsballett

Die Staatsballett-Verträge von Sasha Waltz und Johannes Öhmann sind unterschrieben, der Protest der Staatsballett-Tänzer schlägt kaum noch Wellen, die Gesprächsangebote von Waltz und Öhmann scheinen zu fruchten, auch wenn sie von der Staatsballett-Compagnie anfangs abgelehnt wurden.

Anders als bei der Volksbühne ist beim Staatsballett eher nicht mit einer neuen Diskussion zu rechnen, zumindest hat sich der designierte Kultursenator Klaus Lederer in dieser Personal-Frage bislang zurückgehalten. Zum Glück, denn Lederers Debatten-Vorstoß lange vor seiner Ernennung, man könne über die Berufung von Chris Dercon noch mal nachdenken, hat alle beschädigt: Dercon, die Volksbühne und Lederer selbst. Das sollte er beim Staatsballett keinesfalls wiederholen.

Die Idee, das Staatsballett sowohl klassisch als auch modern aufzustellen, ist nach wie vor richtig. Ob Waltz und Öhmann wirklich die erhofften Volltreffer sind und wie gut Waltz mit den klassisch ausgebildeten Tänzern arbeiten kann, wird sich dann zeigen. Immerhin haben sie sehr viel Vorbereitungszeit, auch wenn sich dadurch die Intendanz von Nacho Duato in die Länge zieht.

Frank Schmid, kulturradio

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