Staatstheater Cottbus: Ritter Blaubart mit Jens Klaus Wilde (Ritter Blaubart); Foto: © Marlies Kross
Bild: Marlies Kross

Staatstheater Cottbus - "Ritter Blaubart"

Bewertung:

Unbedingt anschauen: Die Opéra bouffe "Ritter Blaubart" (Barbe bleue) hat alle Merkmale der großen Offenbachiade.

Zum einen gibt es ungeheuer viele schöne musikalische Einfälle, einige sind ganz herausragend und solitär, nur mit dem Niveau von "Hoffmanns Erzählungen" zu vergleichen. Und zum zweiten ist das Ganze wie immer bei Offenbach sehr lustiges absurdes Theater.

Das Besondere an diesem Werk: Hier wird der erste Serienmörder-Plot der Weltliteratur parodiert. Gleich zwei Serienmörder bringt Offenbach auf die Bühne, einen völlig wahnsinnigen König, der andauernd Hofschranzen hinrichtet, und einen erotomanischen adligen Killer, der seine Frauen nach der Hochzeit vergiften lässt.

Doch keiner stirbt hier wirklich. Am Ende sind alle wieder da, wurden von mitleidigen Menschen versteckt. Die Opfer halten Gericht. Diese Kombination aus brutalem, auch morbidem Witz und tiefer Humanität macht das Werk bis heute brandaktuell.

Der lange Schatten der Felsenstein-Inszenierung

Obwohl ein zentrales Werk des französischen Operettenkomponisten, wurde es im 20. Jahrhundert  weltweit vergleichsweise selten aufgeführt, gemessen an den handelsüblichen Kassenschlagern wie "Orpheus in der Unterwelt" oder der "Schönen Helena".

Die große Ausnahme war Berlin. Fast 400 Vorstellungen des Werkes gab es seit den 1960er Jahren an der Komischen Oper. Fast Pariser Zustände also – dies war wohl die erfolgreichste Operettenproduktion der Stadt seit den Tagen Fritzi Massarys. Regie führte Walter Felsenstein, und als mutiges Bauernmädchen Boulotte agierten Anny Schlemm und Uta Priew.

Regisseur Steffen Piontek hat denn auch gar nicht erst gewagt, dieser Jahrhundert-Inszenierung etwas entgegenzusetzen. Er trat die Flucht nach vorne an und hat Felsensteins Inszenierung reloaded: vor allem die Kostüme und Masken waren fast identisch mit denen der Felsenstein-Version, bis in die Frisuren der Choristen hinein.

Piontek hat das Ganze optisch noch ein wenig überzuckert, sein Blaubart wirkt noch etwas bunter als das Original und könnte fast als disneyhaft durchgehen, hätte er den Figuren nicht neurotische Ticks aufoktroyiert. Dieses Kratzen, Zucken, Schiefspringen wirkte dann doch eher wie eine Parodie auf ein Disney-Märchen.

Aber trotz blendender Kostüme und gleißender Farben – mir war mitunter die übertriebene armrudernde Gestik dann doch zu nervig. Das war dann doch die eine Übertreibung zu viel, die Offenbach eben nicht braucht. Die kleingliedrige Musik Offenbachs mag nervös sein, aber gerade die große Geste wird musikalisch nur sparsam eingesetzt.

Im Ganzen blieb die Inszenierung aber eine schöne Balance aus Felsenstein-Hommage und einigen neuen hübschen Einfällen. So wurde aus mehreren kleinen Frauengräbern bei Felsenstein ein großes, das sich am Ende in ein Pariser Boudoir verwandelt – für mich ein Höhepunkt des Abends, auch musikalisch.

Staatstheater Cottbus: Ritter Blaubart mit Gesine Forberger (Königin Clémentine), Dirk Kleinke (Prinz Saphir), Liudmila Lokaichuk (Prinzessin Hermia) und Jens Klaus Wilde (Ritter Blaubart) sowie Damen und Herren des Opernchores; Foto: © Marlies Kross
Gesine Forberger (Königin Clémentine), Dirk Kleinke (Prinz Saphir), Liudmila Lokaichuk (Prinzessin Hermia) und Jens Klaus Wilde (Ritter Blaubart) sowie Damen und Herren des Opernchores; © Marlies Kross

Grandiose Nebenfiguren

Apropos musikalisch – natürlich durfte man nicht erwarten, den kompletten Glanz der Felsenstein-Sternstunde in Cottbus zurückgeschenkt zu bekommen. Und gerade weil man es nicht erwartete, wurde man in den Nebenrollen angenehm enttäuscht – die übertrafen teilweise noch den alten Berliner Glanz.

Der stimmgewaltige Bartion Andreas Jäpel als Blaubart-Scherge Popolani stellte sogar den Publikumsliebling Rudolf Asmus in den Schatten. Und Prinzessin Fleurette brachte wirklich einen Hauch echter französischer opéra-bouffe-Stimmung mit ins Haus.

Die pariserischste Stimme des Abends stammt aus Russland und heißt Liudmilla Lokaichuk. Die Sopranistin hat zweimal in Rheinsberg beim internationalen Sängerwettbewerb der Kammeroper verdiente hohe Preise abgeräumt. Herzlichen Glückwunsch ans Cottbusser Haus dafür, dass es diese Künstlerin fest unter Vertrag genommen hat!

Matthias Bleidorn als wahnsinniger König: trotz Indisponiertheit absolut komisch, herrlich grell und schauspielerisch brillant. Gesine Forberger: Eine sehr lustige Königin, die ihr kleines Couplet so sang, wie man es sich von der kleinen Rolle erträumt – opernhaft zwar, aber mit einem Hauch Cabaret in der Stimme.

Leider fielen die beiden Hauptfiguren dagegen etwas blass aus, im wörtlichen Sinne. Tenor Jens Klaus Wilde konnte sich stimmlich diesmal erst in der zweiten Hälfte des Werkes gegen Orchester und Chor vernehmlich durchsetzen (Das Eröffnungscouplet schwach, Blaubarts Trauerklage im letzten Akt phantastisch)

Und besonders bedauerlich finde ich, dass eine meiner Lieblingssängerinnen des Ensembles, Carola Fischer, für die Rolle der sechsten Frau Boulotte engagiert wurde. Das hat mir stimmlich nicht gereicht; es ist da eben musikalisch doch mehr zu tun als zwei Solonummern frech und lustig zu singen. So spielfreudig und witzig diese Mezzosopranistin auch sein kann, hier stieß sie an Grenzen, die die Intendanz hätte vorher erkennen können. Eine tolle Künstlerin in der falschen Rolle.

Staatstheater Cottbus: Ritter Blaubart mit Jens Klaus Wilde (Ritter Blaubart) und Carola Fischer (Boulotte) sowie Damen und Herren des Opernchores; Foto: © Marlies Kross
Jens Klaus Wilde (Ritter Blaubart) und Carola Fischer (Boulotte) sowie Damen und Herren des Opernchores; © Marlies Kross

Nichts wie hin da!

Doch es hilft alles nichts – hin muss man da trotzdem! Das muss man gesehen haben! Denn trotz aller Schwächen ist diese Offenbachoperette einfach ein Meisterwerk, das selten auf der Bühne zu sehen ist und ohne dessen Kenntnis der Musikfreund fraglos um eine zentrale Erfahrung ärmer ins Grab sinken wird.

Nichts wie hin da! Denn die Stärken der Produktion überwiegen, die Schwächen sind auszuhalten. Hatte ich schon erwähnt, dass Sie sich das unbedingt angucken sollten? Zumal das Orchester unter der Leitung des jungen Dirigenten Ivo Hentschel wirklich keine Wünsche offen lässt.

Matthias Käther, kulturradio

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