"Pfusch" ©Thomas Aurin
Bild: Volksbühne Thomas Aurin

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Pfusch"

Ja, dies ist die letzte Inszenierung von Herbert Fritsch am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Castorf-Volksbühne ist nicht das einzige Theater, das in dieser Saison das große Drama namens "Abschied" auf dem Spielplan hat.

Beim Berliner Ensemble gibt es demnächst "Endspiel" und "Happy End". Und Fritschs Abend jetzt steuert ganz auf das Finale zu, bei dem jeder Einzelne nach vorne tritt und mit einem "Tschüss", mal neckisch, mal verschämt, mal forsch, dem Publikum zuwinkt. Das zieht sich ziemlich hin. Zuletzt ist Fritsch selbst mit seinem "Tschüss" an der Reihe.

Dann geht der Eiserne Vorhang runter und Schluss mit Beifall. Wenn man bedenkt, wie sich dieser Regisseur sonst persönlich in den Applaus hinein-inszeniert hat, dann hat dieses Finale natürlich etwas zu bedeuten. Aber die Tränen halten sich in Grenzen, denn wir wissen ja, Fritsch hat am Kurfürstendamm eine neue Bleibe gefunden. Staatssekretäre kommen und verwehen, aber die Fritschs bleiben bestehen.

"Pfusch" ©Thomas Aurin
©Thomas Aurin | Bild: Volksbühne Thomas Aurin

Der Abend ist ein niedliches Capriccio

Bei Fritsch muss man nicht auf dem Boden lungern oder in Sitzsäcken kauern. Das Publikum sitzt auf Stühlen. Aber diese sind, unter rein orthopädischen Gesichtspunkten, nun wirklich der reinste Pfusch. Die anderthalb Stunden sind gewissermaßen sprach-los. Es gibt kein Murmel-Murmel. Und wenn dann doch mal das Wort "schön" ins Spiel kommt oder der Satz "lasst uns in die Röhre schauen" - dann hat das natürlich auch eine hochaktuelle Bedeutung.

Und wenn ich schon an "Murmel Murmel" erinnere, dann hat dieser jüngste Abend keine vergleichbare Raffinesse, keine so ausgeklügelt hinterhältige Choreografie. Es ist ein niedliches Capriccio geworden. Aber selbst dieses fällt deutlich in zwei Teile. Und leider gehorcht es nicht dem alten Theatergesetz, dass der zweite unbedingt besser sein muss als der erste.

"Pfusch" ©Thomas Aurin
©Thomas Aurin

Verrückte Elflein und Transenwesen spielen mit der Röhre

Herbert Fritsch hat sich selbst die Bühne entworfen. Deren hervorstechendes Zubehör ist zunächst eine ungeheure Röhre, die wie aus Eisen hingewalzt daliegt, sich aber dann wunderbar drehen und rollen lässt. Dieses Rohr spuckt nach und nach das Ensemble aus. Ein gutes Dutzend auffallend frisierter und aufgemachter tatsächlicher, überwiegend aber scheinbarer Frauen und Mädchengestalten. Kaum sind vertraute Gesichter auszumachen. Ich erkannte Axel Wandtke und Wolfram Koch, der mit einem ungewöhnlichen Rapunzel-Zopf hervorsticht.

Diese verrückten Elflein und Transenwesen treiben nun ein lustiges Herein und Hinaus, Voran und Zurück mit der Röhre. Und dann passiert das Tolle: Sie stürzen sich auf die Tasten von zehn herauf-hinunter- und wieder heraufgefahrenen ollen Klavieren. Mit irrem Grinsen hauen sie rein. Wenn man denkt, jetzt ist endlich Schluss, geht es erst richtig los. Vorn dirigiert eine strenge rot gekleidete, sehr männliche Domina ein wahres Hexen-Stakkato. Es ist, als würde Aram Chatschaturjan klimpernd durch die Formel Eins gejagt.

"Pfusch" ©Thomas Aurin
©Thomas Aurin | Bild: Volksbühne Thomas Aurin

Eine Swimmingpool-Parodie, die nicht erfrischt

Der zweite Teil wirkt ziemlich lang, aber es ist, kurz gesagt, ein Hänger. Man hat sich die ganze Zeit gefragt, was Fritsch wohl mit der rechteckigen Vertiefung in der Mitte der Bühne anstellen wird. Jetzt weiß man es. Darin ist ein Trampolin installiert – gewissermaßen ein Recycling aus Fritschs spanisch-panischer Fliege. Nur leider nicht mehr ganz so komisch. Aufwendig wird dieses Bühnenloch mit blauen Schaumstoffwürfeln aus Speditionskartons zugekippt.

Man spielt langwierig eine kleine Swimmingpool-Parodie. Kopfüber hinein ins trockene Nass oder wasserscheu am Rand. Das ist recht ulkig, aber nicht wirklich erfrischend. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, die Inszenierung sei nicht wirklich fertig geworden. Nach den anspruchsvollen Auseinandersetzungen mit Konrad Bayer und Dieter Roth, die Fritsch an der Volksbühne geleistet hat, gelingt Herbert Fritsch hier nur im ersten Teil ein vergleichbarer Kick. Der Rest ist Beliebigkeit. Auch Abschiede fallen manchmal etwas flüchtig aus. Ich sage nur: Tschüss.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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