Kammerakademie Potsdam; Foto: © Stefan Gloede / KAP
Kammerakademie Potsdam; © Stefan Gloede / KAP | Bild: Stefan Gloede / KAP

Winteroper Potsdam - "Israel in Egypt"

Bewertung:

Ein jährlicher Höhepunkt des Potsdamer Musiklebens ist seit 11 Jahren die Winteroper, eine Koproduktion von Kammerakademie Potsdam und dem Hans-Otto-Theater. Und zum 4. Mal fand dieses Ereignis in der Friedenskirche statt. Auf dem Programm: Händels "Irsael in Egypt"

Die Winteroper in der Potsdamer Friedenskirche hat inzwischen einen guten Ruf als eine der wenigen Orte auf der Welt, an der man geistliche Werke nicht nur konzertant, sondern auch inszeniert aufführt.  Allerdings ist nicht jeder geistlicher Stoff plausibel als Musikdrama umzusetzen. Meist fällt es leichter bei der sogenannten azione sacra, einer Art geistlicher Oper, die ähnlichen Regeln wie die weltliche hatte, nur eben mit religiösen Themen. Oratorien sind schwieriger zu knacken. Sie sind nicht fürs Auge gedacht und besitzen oft auch keine spielbare Handlung im herkömmlichen Sinne.

Die Idee, Händels "Israel in Ägypten" als Oper zu inszenieren ist schon ziemlich schrill. Die Solisten haben nicht einmal Rollennamen, das Ganze ist eine Collage aus Bibelzitaten des Alten Testaments, die eher lose die Ereignisse um den Auszug der Israeliten aus Agypten illustrieren. Zudem ist es das Chor-Oratorium Händels schlechthin, das Solistische ist extrem zurückgedrängt, und zumindest in der Urfassung, die gestern gezeigt wurde.

Verrückte Idee – schräge Umsetzung

Eins war von der ersten Minute an klar: diese Inszenierung war gegen den recht martialischen und kriegslüsternen Text gebürstet. Sie ist ein sehr düsterer, um nicht zu sagen morbider Kommentar zum Weltenlauf schlechthin, eine sich immer wieder schwarz und weiß umkleidende Volksmenge zeigend, die mal in Krieg und Not trauert, mal exaltiert feiert, dann wieder ihre Helden verbrennt. Das alles wurde sehr aggressiv visualisiert, als verbindendes Element diente ein Laufsteg aus kompliziert zusammengesetzten Särgen, aus denen die vier Solisten gewissermaßen als Platzhalter für alles entstiegen, was einem so einfällt, Inquisitor, der Krieg, das Leben.   

Es war kein bequemer Abend, nicht nur wegen der provokanten Bilder, sondern auch, weil es mittlerweile anstrengend ist, gewollt Provokantes wie Blut und Sex zum 1000. Mal zu sehen.

Glücklicherweise blieben genügend Züge, die wirklich originell waren und den guten Ruf der Regisseurin rechtfertigten. Ich mochte etwa die intelligente Technik, mit der die Regie Särge und Stoffbahnen immer wieder leitmotivisch verwendet hat, wenn sich mir die Leitmotive selbst auch nicht immer ganz erschlossen haben.

Großes Unbehagen bereiteten mir die eingefügten Gedichte von Hala Mohammad. Um nicht missverstanden zu werden: Diese Gedichte für sich genommen waren bewegend und originell. Aber warum ein Werk von Händel auftrennen, um sie einzufügen? Es gibt für mich eine Grenze, wo die Regie aufhört, origineller Interpret zu sein und in etwas umschlägt, das man als Selbstdarstellungs-Show des Regie-Ensembles bezeichnen könnte. Bei solchen Verletzungen des musikalischen Geflechts drängt sich immer der Verdacht auf, die Regie traue dem bearbeiteten Werk nicht zu, auf eigenen Füßen zu stehen und für sich selbst zu sprechen. Die Regie hatte hier unzählige Möglichkeiten, sich szenisch auszutoben, um Kontrapunkte zum alttestamentarischen Text zu setzen (was sie ja auch getan hat), ohne das Werk zu beschädigen. 

Akustisch genial gelöst

Davon abgesehen: Selbst Zuschauer, die der Regisseurin ihre etwas durchgeknallte Konzeption übelnahmen, mussten doch einräumen, dass ihre akustische Figurenführung genial war. Die  Idee, Publikum und Orchester längs um eine schmale Erhebung zu setzen, quasi wie bei einer Modenschau, war frappierend.  Solisten und Choristen tauchten immer wieder woanders auf, auf  dem Sarg-Laufsteg oder auf der Empore oder der Kanzel; das war akustisch eins meiner ganz großen Live-Erlebnisse der letzten Zeit. Wenn Sie einen Chor von Händel auffächern, seine Mitglieder einzeln durch den Raum laufen lassen, und man bei einer Fuge etwa buchstäblich eine Stimme an sich vorbeilaufen hört, kann es schon zu extatischen Momenten beim Lauschen kommen. Großer Händel von allen Seiten auf einmal – das ist einfach überwältigend.

Dieser Effekt funktioniert natürlich nur bei adäquater Ensemble-Leistung. Trotz passabler Solisten, allen voran eine äußerst agile und frische Marie Smolka als Sopran Nummer eins: die Hauptakteure waren die Vokalakademie Potsdam und das Vokalconsort Berlin. Bewundernswert agierende Choristen (agierend hier mal im buchstäblichen Sinne)! Und, nicht zu vergessen, eine fantastisch aufgelegte Kammerakademie Potsdam unter dem Barock-Experten Konrad Junghänel.

Matthias Käther, kulturradio

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