Deutsches Theater Berlin, Aussenfassade © imago/Steinach
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Deutsches Theater - "Marat/Sade"

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In diesem Jahr wäre Peter Weiss 100. Jahre geworden. Als gesellschaftskritischer Künstler war er bekannt für Theaterstücke wie "Die Ermittlung" und "Marat/Sade".  Stefan Pucher hat das Stück am Deutschen Theater inszeniert.

Das Berliner Ensemble in Ost-Berlin hatte das erste deutschsprachige Stück von Peter Weiss abgelehnt. Helene Weigel fand es schlichtweg konterrevolutionär. Die Uraufführung fand dann, am 29. April 1964 am Schiller Theater in West-Berlin statt. Die Inszenierung des polnischen Regisseurs Konrad Swinarski (der 1975 bei einem Flugzeugabsturz bei Damaskus ums Leben kam) war eine Sensation. Man riss sich um die Karten, um diese unerhört sinnliche Inszenierung zu sehen.

Ernst Schröder spielte den korpulenten Individualisten de Sade, der sich von der Revolution abgewandt hatte, und Peter Mosbacher den sozialistischen Ideologen Marat. Anhand der verschiedenen Bearbeitungen kann man die Veränderung der politischen Haltung von Peter Weiss verfolgen.

Der Autor bezog bei der Berliner Fassung noch einen relativ neutralen Standpunkt. Die Inszenierung erklärte Sade zum Gewinner, was als fragwürdig empfunden wurde. Das sah ganz anders aus, als ein Jahr später ZK-Mitglied Hanns Anselm Perten das Stück in Rostock herausbrachte. Dort wurde der Prae-Kommunist Marat zum k.o. Sieger. Im Jahre 1965 wurde Peter Weiss‘ Drama an 17 deutschsprachigen Theatern gespielt.

Schaubuden-Ästhetik

Am Deutschen Theater firmiert das Stück unter dem Kurztitel "Marat/Sade". Man muss dies bereits als ein Konzept verstehen. Denn bei Stefan Pucher werden der Disput und die Ermordung Marats nicht, wie es im gebräuchlichen Original-Bandwurmtitel heißt "durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" vorgeführt.

Der historische Marquis, der sich den radikalen Jakobinern angeschlossen hatte und dann resigniert abwandte, war jahrelang dort eingesperrt und inszenierte Theateraufführungen mit Patienten. Das schicke Publikum aus Paris eilte herbei, um die Vorstellungen zu sehen.

Bei Pucher zeigt jetzt die Bühne von Barbara Ehnes nicht mehr den vieldeutigen Badesaal der Heilanstalt. Anstelle des Irrenhauses sieht man eine Kirmes-Schaubude, deren Beschriftung Illusionen, Sensationen, Abnormitäten und Geistererscheinungen verspricht.

Videotechnik

Diese Reduktion des Theaters-auf-dem-Theater, in dem de Sade als Regisseur fungiert, ist schlichtweg eine Plattitüde. Obendrein werden die Hauptfiguren buchstäblich verkürzt, indem sie als Puppen in Erscheinung treten. Die Schauspieler agieren auf Knien mit vorgehängten Beinchen. Man soll denken: alle sind Kasper oder Marionetten.

Die Darsteller der beiden Gegenspieler gewinnen keine wirklich charakterlichen Konturen. Felix Goeser gibt immerhin dem Marquis durch Körperlichkeit und Lautstärke einigermaßen Konturen. Daniel Hoevels bleibt dagegen eher der Leidensmann im Hintergrund. Stefan Pucher ist gelegentlich in seinen Inszenierungen geradezu besoffen von den Möglichkeiten der Videotechnik. Diesmal beschränkt er sich beinahe asketisch auf ein paar Filmprojektionen, in denen etwa Charlotte Corday schon mal vorab das Messer in ihr Opfer sticht.

Weniger Drall und Energie

Es mag ja sein, dass Peter Weiss sich vorrangig interessierte für den "Konflikt zwischen dem bis zum Äußersten geführten Individualismus und dem Gedanken an eine politische und soziale Umwälzung", zugleich aber bediente er sich verschiedenster theater-hoch-wirksamer Stilmittel. Er hob Elemente des Volkstheaters auf eine andere Ebene.

Pucher seinerseits stößt das Stück mit seiner Schaubuden-Ästhetik dorthin wieder zurück. Während sonst die Nachlassverwalter empfindlich auf Improvisationen und Änderungen reagierten, durfte hier offenbar manches in den Text hinein geschrieben werden, was irgendwie politikkritisch oder aktuell klingt. Von beschwichtigenden Reformen bis zu Pegida. Nicht mehr als Patienten-, sondern eher als Clownsensemble wirkt ein Schauspiel-Studentenchor, der anfangs Marat hochleben lässt und die Frage stellt "was ist aus unserer Revolution geworden?", schließlich aber die Mörderin zur Tat ruft.

Da hatte Volker Löschs Hamburger Update das Stücks vor einigen Jahren, bei dem reale Hartz-IV-Empfänger, Bezieher von Mindest- oder Schwerbeschädigten-Renten auftraten, doch etwas mehr Drall und Energie.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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