"Palermo Palermo"; © Jochen Viehoff
Bild: © Jochen Viehoff

Haus der Berliner Festspiele - Tanztheater Wuppertal Pina Bausch: "Palermo Palermo"

Bewertung:

Das Stück umgibt heute, 27 Jahre nach der Uraufführung, ein musealer Hauch.

Schon zu Lebzeiten war Pina Bausch mit ihrem Tanztheater Wuppertal nur sehr selten zu Gast in Berlin. Daran hat sich seit dem überraschenden Tod der bedeutendsten deutschen Choreograpfn im Jahr 2009 nichts geändert. Zum ersten Mal seit sieben Jahren ist die Wuppertaler Kompagnie nun wieder in Berlin. Im Haus der Berliner Festspiele zeigt sie "Palermo Palermo", das Stück von 1989, tatsächlich eine Berlin-Premiere.

Palermo und die einstürzende Mauer

Pina Bausch hat sich immer wieder durch viele Reisen und Auslandsaufenthalte von fremden Orten und Kulturen inspirieren lassen und 1989 war sie drei Wochen lang mit ihrer Kompagnie auf Sizilien, in Palermo. Sie müssen dort starke Eindrücke empfangen haben, denn dieses Stück ist noch mehr als andere ein Bilderbogen, eine fast unendliche Ansammlung von Impressionen, Alltagsszenen und Assoziationen.

Auch das berühmt gewordene Eröffnungsbild ist hier entstanden: die mächtige, hohe, breite Steinmauer, die man sieht, wenn der Vorhang sich öffnet und die dann plötzlich mit gewaltigem Lärm umkippt und den Saalboden erschüttert, hat mitnichten mit dem Mauerfall 1989 zu tun, wie oft vermutet wurde. Sie war ein spontaner Einfall von Pina Bausch und ihrem langjährigen Bühnenbildner Peter Pabst, entstanden, lange bevor an den Fall der Berliner Mauer zu denken war – als überwältigender Effekt funktioniert dieser gewaltige Einsturz immer noch wunderbar.

"Palermo Palermo"; © Jong Duk Woo
"Palermo Palermo"; © Jong Duk Woo

Alltagsszenen und Geschichten

In "Palermo Palermo" zeigt Pina Bausch selten Tanz, dafür viele Szenen städtischen Lebens auf Plätzen und Straßen, in Cafés und Bars, sie hat derartige Alltagsszenen immer wieder zum Mittelpunkt ihrer Stücke gemacht.

Zu Beginn wuseln die Tänzer fieberhaft über die Steinbrocken auf der Bühne, über das Schutthalden-Terrain, der Boden unter ihren Füßen birgt durchgehend Unsicherheit und Gefahr. Dieser hektische Beginn wie eine Szene auf einem übervollen Marktplatz, wird abgelöst von leisen und zarten Momenten. Eine Frau sitzt am Cafétisch und schaut still ins Leere, ein Hund darf seine Leckerlis vom Teller aufknabbern, eine Trauergruppe kommt vorbei, die Frau in Schwarz wird von Männern gestützt.

Es gibt Szenen, die ins Skurrile und Surreale kippen können: Ein Mann malt sich mit Schuhcreme Socken an die Füße, ein anderer brät sich Fleisch auf einem Bügeleisen, sechs Männer tragen eine Frau, die auf jeweils nur einem ihrer Füße liegt, sie hoppeln mit ihr über die Bühne.

Nazareth Panadero zeigt ihre ebenfalls berühmt geworden Spaghetti-Szene: Alles meins, sagt sie, nichts gebe ich ab, keine einzige Spaghetti, alles meins, nur meins, alles meins – immer noch sehr komisch.

Es gibt Szenen der Gewalt, einen Zigarettenraub mit Beinahe-Prügelei, Szenen, die auf Armut und Hunger hindeuten, auf Lebenslust und Lebenskrise, Frauen und Männer sind hier keine glücklichen Paare und es werden Lieder und Gedichte vorgetragen und Geschichten erzählt: vom Hund, der sich zum Sterben in eine Mülltonne zurückzieht oder vom jungen Mann, den die Menge anfeuert, vom Dach, auf dem er steht, doch endlich herunter zu springen. Ein Bilderbogen, in dem sich Szene an Szene reiht, zumeist Soli, ein Reigen miniaturhafter Skizzen in meist melancholischer Stimmung.

Melancholie und Tragik, Sehnsucht und Scheitern

Ein Abbild des Lebens in Palermo Ende der 1980er Jahre und zugleich natürlich mehr. Pina Bausch hatte immer Größeres, weiter Gefasstes im Sinn als lediglich das konkrete Ereignis. So traurig oder komisch, so subtil erotisch oder intim oder rätselhaft die Miniaturen sind – es ging ihr in der frei assoziierenden Darstellung der Gegenwart auch um ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und das immer begleitet von diesem typischen Unterton von Melancholie und Tragik, von Traurigkeit und Sehnsucht. Es ging um einen wie unterirdisch wirksamen Strom der Empfindungen, um Wünsche und Träume und das Wissen um die Vergeblichkeit und das nahezu sichere Scheitern allen Bemühens. Hier gibt es z.B. unzählige Versionen des Umarmens und doch gelingt das Überwinden der Einsamkeit nicht.

"Palermo Palermo", Andrey Berezin; © Laurent Philippe
"Palermo Palermo", Andrey Berezin; © Laurent Philippe | Bild: © Laurent Philippe

Musealer Hauch

Das Stück umgibt heute, 27 Jahre nach der Uraufführung, ein musealer Hauch. So einzigartig die Tanztheater-Neu-Erfindung, die Tanz-Revolution von Pina Bausch seit 1973 war, so tief berührend und beglückend manche Szenen auch heute noch sind und so faszinierend die Pina-Bausch-Poesie der Verbindung von Tanz, Gesang, Schauspiel, Pantomime und Artistik ist – die Technik der Montage und Collage, das Hintereinander-Setzen der Szenen wirkt heute wie eine zeitgebundene Sackgasse, der Zauber funktioniert nur noch momenthaft, die Mechanik wirkt rostig und steif.

Aufbruch in eine neue Zeit

Dem "Tanztheater Wuppertal Pina Bausch", wie die Kompagnie jetzt heißt, ist das bewusst. Die alten Stücke, die weltweit begehrt sind und überall gefeiert werden - auch gestern gab es Standing Ovations - die alten Stücke mit den wunderbaren, alten Tänzerinnen und Tänzern, die noch besser, weil klarer, präziser und pointierter geworden sind, sie funktionieren noch.

Aber der Weg zum Pina-Bausch-Museum ist nicht mehr weit. Deswegen werden schon in der laufenden Saison zunehmend neue Tänzer gesucht, sollen neue Stücke uraufgeführt werden, kommt ab Mai 2017 mit Adolphe Binder auch eine neue Intendantin, die für neue, innovative Produktionen, wie es auf der Spielzeit-Pressekonferenz in Wuppertal hieß, sorgen soll.

Das ist der richtige Schritt. Das Tanzerbe, noch dazu dieses einzigartige von Pina Bausch, muss gepflegt werden, aber es muss auch Weiterentwicklung geben. Sonst droht dieser wundervollen Wuppertaler Kompagnie, was anderen nach dem Tod ihrer Gründer und Inspirationsqellen zugestoßen ist: ein Verglühen, ein Stillstand bloßer ikonografischer Bewunderung.

Frank Schmid, kulturradio

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