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Deutsches Theater - Tennessee Williams: "Die Glasmenagerie"

Bewertung:

Am Ende des Abends sind weit mehr Lachtränen als Tränen der Rührung geflossen. Kimmig nimmt Stück und Figuren auf die Schippe. Sein Rezept heißt: Übertreibung.

Ich musste gestern Abend daran denken, dass Bertolt Brecht, nachdem er Tennessee Williams' "Glasmenagerie" am Broadway gesehen hatte, gesagt haben soll, das Stück sei  "völlig idiotisch".

Stephan Kimmigs Einstellung zu diesem vielfach international inszenierten und auch verfilmten Werk, das den Autor weltberühmt machte, könnte durchaus ähnlich sein. Er denkt nämlich gar nicht daran, dieses Schauspiel werkgetreu spielen zu lassen.

Zur Pause sah ich schon verschiedene Zuschauer zur Garderobe eilen, die das Stück vielleicht noch so kannten, wie es im Buch steht, und die es vielleicht auch in der letzten Inszenierung am Deutschen Theater gesehen haben, damals saß das Publikum bei Bettina Bruinier auf der Bühne der Kammerspiele. Kimmig, jetzt, spielt vielmehr mit dem Stück, er treibt es über die Grenze der Parodie hinaus.

Lebenslügen

Amanda Wingfield, wenn man ihren eigenen Äußerungen glauben darf, eine ehemals heiß begehrte Südstaaten-Schönheit, lebt mit ihrem Sohn Tom und ihrer Tochter Laura in sparsamen Verhältnissen in St. Louis. Jeder dieser drei, auf seine Weise, hat seine eigene Lebenslüge. Viele Motive sind in späteren Williams-Stücken wiedergekehrt.

Tom sorgt als Lagerarbeiter für die Finanzen der Familie. Am liebsten wäre er Schriftsteller. Der Vater hat längst das Weite gesucht, Aufenthaltsort unbekannt. Laura ist scheu, behindert und lebensunfähig. Die Mutter will sie partout unter die Haube bringen und drängt ihren Sohn, einen Arbeitskollegen zum Abendessen mitzubringen. Es kommt zu einer Annäherung zwischen Laura und diesem Jim O' Connor. Der aber ist längst vergeben und wird in Kürze heiraten.

Weder Nostalgie noch Atmosphäre

Man kannte das Drama bisher mit dem Untertitel "ein Spiel der Erinnerung". Die "Atmosphäre der Erinnerung" sollte das Stück prägen; als Grundgefühl wünschte der Autor: "Heimweh, Nostalgie". Davon kann bei Kimmig keine Rede sein. Tom erfüllt manchmal noch die Rolle des Ansagers und Erzählers, aber von dem Moment der "Erinnerung" spürt man wenig. Kimmig pfeift auf die seitenweisen Hinweise, die Williams seinem Stück voranschickte.

"Atmosphäre" ist in dem Bühnenbild von Katja Haß ein Fremdwort. Die Wohnung der Wingfields gleicht einem hässlichen Lagerhaus. Die vom Autor gewünschten Projektionen gibt es nicht. Die arme Laura trägt keine Beinschiene mehr, sie erzählt nur davon, dass sie diese Hilfe vor vielen Jahren einmal brauchte. Auf Behinderung deuten nur ihre gelegentlich trancehafte Abwesenheit und die dicken Brillengläser – ein Problem, würde ich sagen, für den Optiker.

Weil Kimmig ganz offenbar Lauras hingebungsvolle Beschäftigung mit den symbolhaft zerbrechlichen Glastieren nicht genügt, werden immer wieder zwei Prachtexemplare lebender Hähne aus einem Käfig geholt. Die taten mir gestern, bei der lauten Musik, die Laura mit ihren LPs auflegt, mehr leid als das Mädchen selbst.

Der legendäre Status der "Allee der Kosmonauten"

Die "Allee der Kosmonauten" war damals der nationale und internationale Durchbruch von Sasha Waltz, eine starke künstlerische Weiterentwicklung nach ihrer "Travelogue"-Trilogie Anfang der Neunziger, in der ja auch schon Alltagsszenen im Mittelpunkt standen. Das war ein Anknüpfen an Erzähl-Tanztheater-Traditionen mit damals neuen Mitteln: scharfe Schnitt-Dramaturgie, Alltägliches ins Groteske getrieben, schräge Körper-Artistik, disruptive Paartänze, extreme Dynamik, viel Humor – Ausdruck einer ernsthaft suchenden skeptischen Ironie und damit damaliger Zeitgeist.

Derartige Figurenentwürfe und das Erzählen psychologisch grundierter, durchaus realistischer Geschichten sind im Zeitgenössischen Tanz heute nicht mehr vorstellbar – der Tanz ist andere Wege gegangen und insofern ist die Zeit dann doch über dieses Stück hinweggegangen.

Damals jedoch war dies der Höhepunkt der frühen Werkphase von Sasha Waltz. Was wenige Jahre später mit der "Körper"-Trilogie an der Schaubühne folgen sollte, war nicht absehbar und auch der Erfolg der "Allee der Kosmonauten" und der Sophiensæle nicht. Waltz hat damals einen Nerv getroffen und Stück und Haus sind jetzt Berliner Theater- und Tanzgeschichte.

Lachen auf Williams' Kosten

Am Ende in dieser fast drei Stunden sind weit mehr Lachtränen als Tränen der Rührung geflossen. Kimmig nimmt Stück und Figuren auf die Schippe. Sein Rezept heißt: Übertreibung.

Am harmlosesten kommt noch Marcel Kohler in der Rolle des Sohnes weg. Schlaksig und nervös, lässt er erkennen, wie ihm das Familiengetue zum Hals heraushängt. Das Kraftzentrum der Aufführung ist Anja Schneider. Eine überdrehte Nervensäge zum Gernhaben. Diese Mutter kennt keinen Naturton. Sie spielt alles hoch-drei. Wenn man nicht Williams im Original haben will, findet man das prima. Ungeheuer komisch auch Holger Stockhaus, der als Zwangsliebhaber Jim O' Connor ein ganzes Jazzorchester akustisch trötend nachmacht. Um Laura muss man sich nach dieser missglückten Annäherung wohl keine Sorgen machen. Linn Reusse kann tanzen wie noch kein gelähmtes Mädchen vor ihr; sie wird in jeder Diskothek Erfolg haben.

Man kann sagen: Stephan Kimmig lässt das Publikum lachen auf Williams' Kosten. Nur in diesem Sinne ist der Abend ein ziemlicher Erfolg. Vielleicht auch ganz besonders bei Zuschauern, die starke Schädigungen durch dominante Mütter erfahren haben.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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