Berliner Ensemble, Wahrzeichen auf dem Dach; Foto: © Carsten Kampf

Berliner Ensemble - "Endspiel"

Bewertung:

Im Laufe der Jahrzehnte, in denen wir die verschiedensten Versionen des "Endspiels" erlebt haben, wollen wir dann doch ein bisschen mehr existentielle Wahrheit darin lesen und sehen als nur pures Spieldesign.

Es ist schon etwas überraschend, wenn Robert Wilson (der selbst den alten Krapp in "Das letzte Band" gespielt hat) jetzt mitteilt: "Ich habe mich der Welt von Beckett immer verbunden gefühlt." Immer! Ich weiß nicht, wie stark diese Bindung an Beckett etwa im "Black Rider" oder beim "Peter Pan" gewesen ist. Aber mit einer solchen selbstbewussten Bemerkung werden natürlich alle Zweifel in nullkommanichts weggewischt, inwieweit sich Becketts Jahrhundertdrama in die Licht-, Sound-und Manierismus-Ästhetik von Wilson würde zwängen lassen.

Wilson kann eben einfach alles inszenieren, und als Zuschauer ist man erst einmal baff, wie hübsch er das jedesmal hinkriegt. Geradezu eine Herausforderung allerdings, wenn man jetzt im Programmheft die Fotos jener sensationellen Aufführung von "Endspiel" wiedersieht, die Samuel Beckett 1967 in der Werkstatt des Schillertheaters mit Ernst Schröder und Horst Bollmann selbst inszeniert hat.

Lichtkünstler par excellence

Am Anfang der sehr langen Szenenbeschreibung, die der Autor seinem Stück voranschickt, heißt es schlichtweg "trübes Licht". Nun ist Wilson bekanntermaßen nicht der Mann, der mit geringen Wattzahlen operiert. Er ist der Lichtkünstler par excellence.

Wie in einem raffiniert kalkulierten Schaufenster zeigt er uns zunächst hinter einem Gazevorhang den mit Stoffen verhüllten Hamm in seinem Rollstuhl wie unter einer Burka. Mit einem englischsprachigen Stakkato prägt er dem Zuschauer gleich vorneweg und englisch ein, dass hier so etwas ein Endpunkt erreicht ist: "it must be nearly finished".

Zugleich aber ist klar, dass dieses Ende nicht allzu sehr schmerzen soll: Die Bühne ist von flackernden Glühbirnen gerahmt, als wäre dies eine Schaubude, und auch die Musik mit viel Tuba und Harmonika erinnert immer wieder an den Jahrmarkt.

Ohne sarkastische Note

Der blinde und gehunfähige Hamm und sein Diener Clov leben/spielen in Endlosschleife außerhalb und inmitten der womöglich verwüsteten Welt. Bei Beckett liest sich das Stück wie ein "Endspiel als Clownsspiel". Wilson macht daraus eher ein "Clownsspiel als Endspiel". Alle Figuren haben weiß geschminkte Gesichter. Und Georgios Tsivanoglu als Clov wird nicht müde, in kuriosen Schlingergängen die Bühne zu umrunden und Grimassen zu schneiden.

Wilson gibt auch diesem unerhört treffenden Bild von den Eltern, die von ihren Kindern auf den Müll geworfen werden, keine wirklich sarkastische Note. Nicht aus den berühmten Tonnen, sondern aus Vertiefungen tauchen Nell und Nagg jetzt herauf. Traute Hoess singt anmutig niedlich von der Erinnerung an eine Bootsfahrt auf dem Comer See, und Jürgen Holtz findet entzückend mimischen und sprachlichen Ausdruck für diesen ungeliebten Vater, dem der Zwieback zu hart ist und der sich nach Zärtlichkeit und Pralinen sehnt.

Recht amüsant

Ausführlich designte Lichtspiele. Die illustrierenden, scheinbar durchs ganze Haus geisternden Töne. Klovs grazile Spiele mit den Requisiten. Sogar noch die übergroße Ratte im Hintergrund. Das alles ist recht amüsant. Und wenn man es als hoch perfektioniertes l'art-pour-l'art, als Spiel-über-dem-Spiel nimmt, mag es hingehen. Peter Brook sah das gesamte geschlossene Werk als ein Symbol, das zahlreiche andere Symbole in sich birgt  –  auch wenn es nicht weiter bringe, zu fragen, was sie bedeuten sollen.

Andererseits Beckett: "Endspiel will bloßes Spiel sein. Nichts weniger." Im Stück fragt Hamm (Martin Schneider): "Wir sind doch nicht im Begriff, etwas zu bedeuten?" Im Laufe der Jahrzehnte, in denen wir die verschiedensten Versionen des "Endspiels" erlebt haben, teils von den besten Regisseuren, wollen wir dann doch ein bisschen mehr existentielle Wahrheit darin lesen und sehen als nur pures Spieldesign.

An einer Stelle wird Wilson erstaunlicherweise dann doch konkret: Mithilfe einer Projektion scheint Hamm vor einem abschmelzenden Polargletscher zu sitzen. Das ist allerdings nun, bei dem bedeutungsleeren Purismus, fast schon der reinste Klimawandel-Kitsch. Natürlich erstklassig gestylt.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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