Maxim Gorki Theater - "Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution"

Bewertung:

Diese Inszenierung wird mit Heiner Müller nicht fertig.

Heiner Müllers Schauspiel "Der Auftrag" hat den Untertitel "Erinnerung an eine Revolution". Wenn das Gorki Theater jetzt das Stück spielt, dann hat diese Tatsache selbst einen eigenen Erinnerungswert.

Heiner Müller hat die Uraufführung 1980, hoch oben im dritten Stock der Volksbühne in Ost Berlin, vor kleinem Publikum selbst inszeniert, gemeinsam mit Ginka Tscholakowa. Das Stück ist dann noch an verschiedenen Bühnen in der DDR gespielt worden, unter anderem, 1983, von Frank Castorf in Anklam.

Die meisten Müller-Stücke kamen damals an westlichen Bühnen heraus. "Der Auftrag" wurde seinerzeit von verschiedenen Theatern in der Bundesrepublik gespielt. Müller inszenierte ihn später auch in Bochum, in den Kammerspielen, damals soll ein leibhaftiger Panther durch einen Gittergang mitten durchs Publikum gelaufen sein. "Der Auftrag" ist gewissermaßen ein Müller-Klassiker, aber im Laufe der Jahre selbst ein wenig in Vergessenheit geraten – wie die Revolution in diesem Stück.

Der Auftrag

Der Auftrag, um den es hier geht, wird zurückgegeben. Der Konvent hatte den Schwarzen Sasportas, den Bauern Galloudec und Debuisson, den Sohn von Plantagenbesitzern, in dessen Heimat nach Jamaika geschickt, um dort einen Sklavenaufstand gegen die englischen Kolonialherren anzuzetteln. Jetzt ist Napoleon am Ruder. Debuisson verrät die Ideale und wird selbst zum Sklavenhalter.

Der Schwarze Sasportas wird von Heiner Müller noch ganz selbstverständlich "Neger" genannt. Am Gorki Theater hat man jetzt diese Bezeichnung nach intensiven Diskussionen "weitgehend" gestrichen. Weder vom Bühnenbild noch von den Kostümen hat die Geschichte noch einen historischen oder ethnografischen Bezug. Technisches Mobiliar und Videoprojektion sollen wohl eine Analogie zur Gegenwart immerhin andeuten.

Betuliche Aufführung

Ich erinnere mich, wie vor zwölf Jahren Ulrich Mühe das Stück seines Freundes und Mentors Heiner Müller im Haus der Berliner Festspiele geradezu gläubig und gewissermaßen als ein Hochamt am 75. Geburtstag des 1995 verstorbenen Autors inszenierte, bedeutend besetzt, mit Hauptstadtkulturfonds und Prominenz aus Mode- und Friseurbranche als Unterstützern.

Es war eine sehr anstrengende Aufführung, staturarisch und unnötig untheatralisch. Unvergesslich allerdings, wie Inge Keller in der Rolle der Ersten Liebe - der verlassenen Frau, aber auch des ausbeuterischen Systems - mit blind-geschminkten Augen, toller Frisur, wie eine surreale böse Fee die Revolution höhnte, und die alten Verhältnisse pries. Das war große Sprache, Wort für Wort gestaltet.

Vergleichbares erlebt man jetzt am Gorki Theater nicht. Dafür scheitert die Aufführung an ihrer eigenen Betulichkeit. Sie lässt nicht erkennen, wo der Regisseur  Mirko Borscht das Stück kritisch für die nähere und fernere Gegenwart instrumentalisieren will. Für den gescheiterten Sozialismus der DDR oder für aktuelle Probleme der globalisierten Welt und die millionenfach flüchtenden, leidenden und ertrinkenden Opfer von Kriegen und Ideologien.

Keine theatergerechte Sinnlichkeit

Die Aufführung braucht nicht einmal zwei Stunden. Aber es gelingt ihr nicht, diesem schwierigen Collagetext eine theatergerechte Sinnlichkeit zu geben. Mühsam werden die nackten Leichen des Schwarzen und des Bauern rückblenden-gerecht wiederbelebt. Der Darsteller des Debuisson muss weite Strecken in der Unterhose agieren. Die Szene, in der die beiden anderen als Danton und Robespierre verbal aufeinander losgehen, verpufft hier.

Heiner Müllers Selbstverliebtheit in seine Metapher "Maske", "der Tod ist die Maske der Revolution", wird durch endloses Gepitscher mit Knetmasse überstrapaziert. Die schönen Blues-Songs der Sängerin Romy Camerun bringen keinen Verfremdungseffekt, sondern klingen eher nach gefälliger Barmusik.

Ruth Reinecke spricht sehr sachlich den Monolog eines Mannes, der im Fahrstuhl zu seinem Chef unterwegs ist, dort aber nie anlangt, sondern sich unverhofft auf einer Straße in Peru findet. Auch diesen berühmten Text, der von schwindendem Zeitempfinden und Wahrnehmungsverlusten gegenüber der Dritten Welt handelt, kann die Inszenierung nicht überzeugend einbinden. Sie wird mit diesem Heiner Müller nicht fertig.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

Weitere Rezensionen